Krimi

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Ein schmaler Grat. Zwei Männer, die ihn gehen. Vorsichtig setzen sie ihre Schritte, was aber nicht verhindert, dass sich ein Stein löst. Nach wenigen Sekunden springt das Gepolter hinaus in die bodenlose Stille. Atemloses Horchen, bis der Stein irgendwo aufschlägt. Jetzt nur nicht den Blick nachschicken in die Tiefe, die einen machtvoll anzieht.

Vorne weg ging Thomas, der ältere der beiden Männer, in geringem Abstand gefolgt von Malte. Zwei Mal hatte sich Malte auf dem Grat schon entschuldigt, sich über die Route - die wenig begangene Nordseite aufs Doppelhorn - nicht ausreichend informiert zu haben. Maltes Stimme hatte gepresst geklungen, kurzatmig, und deshalb seltsam fremd. Thomas selbst schwieg, nachdem er zuvor eine Stunde lang von sich und Edith, seiner um dreißig Jahre jüngeren Frau, gesprochen hatte.

Die sie zuletzt gemeinsam in der Bernardihütte gesehen haben, werden den Älteren als zurückhaltend schildern, während der andere, viel jüngere, sich leutselig gab, rasch ein Gespräch anknüpfte über die Tische hinweg. Irgendeine Auseinandersetzung, ein lautes Wort, Anzeichen für einen vorangegangenen Streit, darin werden sich alle einig sein, habe es zwischen den Männern nicht gegeben. Lange habe der Ältere mit der Kamera hantiert, bis der Jüngere ein deutsches Urlauberpaar bat, von ihnen eine Aufnahme zu machen. Das war bereits draußen vor der Hütte gewesen. Als Unternehmer ist Thomas selbst in dem kleinen Österreich nicht bekannt genug, dass man ihn erkennt, und Malte steht als Maler erst am Anfang seiner Karriere. Ob er seine Gäste davor warne, die Nordroute zu gehen, werden die Beamten, Polizisten aus dem nahen Kirchhofen, den Wirt fragen. Aber so schwer ist der Weg nicht, gutes Schuhwerk vorausgesetzt, zumal es in den letzten fünfundzwanzig Jahren dort auch nie einen Unfall gab.

Während der knappen Stunde von der Bernardihütte bis zu jener Stelle, wo sich die Wege gabeln, sanft zwischen Latschenkiefern ansteigend und im Licht der frühen Nachmittagssonne der eine, am Fuß der Felswand entlang und im Schatten gelegen der andere, hatte Thomas dem Freund davon erzählt, wie er und Edith sich kennen lernten. Edith trug das geblümte Sommerkleid, das auch Malte noch kennt. Neben dem Spielplatz vor dem Restaurant, wo sie rauchte, flatterten im Wind die Enden ihres grünen Schals. Thomas hatte Ausschau gehalten nach dem Kind, das zu ihr laufen wird. Aber Edith hatte nur gelacht. Kein Kind, sagte sie. Vielleicht nie. Aber wirklich nachgedacht habe sie darüber nicht. Das erste Foto, das er von ihr machte, als sie im Restaurant am Fenster saß. Wenn Thomas sie betrachtete, war sie verlegen. Edith hält sich für keine Schönheit, Malte weiß das. Aus irgendeinem Grund, der allen anderen unverständlich sein musste, litt sie unter ihrem hellen Teint und den Sommersprossen. Im Restaurant saß Edith seltsam nah an den Tisch gerückt und aufrecht, wobei sie nur in kleinen Bissen aß. Thomas ist ein grandioser Koch, während Edith nicht einmal gern isst. Sie habe ihn bereits als jungen Mann gekannt, sagte sie noch im Restaurant, und als Thomas überrascht die Augenbrauen in die Höhe schob, lachte sie wieder. In Zeitschriften, in denen sie als Heranwachsende blätterte, habe sie Männer wie ihn gesehen, ein wenig arrogant, ein wenig verwöhnt. Nein, nein, er gefalle ihr schon besser so, wie er jetzt sei, für die Jungen habe sie sich nie interessiert. Tatsächlich hatte sie ihn, als er sie vor dem Restaurant ansprach, für einen Schauspieler gehalten. Sie war jung genug, enttäuscht zu sein, als er ihr sagte, eine Firma für Landwirtschaftsmaschinen zu besitzen. Wie damals im Restaurant lachte Thomas auch jetzt, als er davon dem Freund erzählte, und sein Lachen wurde von den Felsen zurückgeworfen. Er war stehen geblieben und klopfte die Taschen seiner Jacke ab, bis er die Geldbörse fand. Im Seitenfach steckte das Foto, an den Rändern beschnitten. Die erste Aufnahme, die er von Edith machte.

Noch waren sie nicht allein. Das deutsche Urlauberpaar überholte sie, als Thomas und Malte stehen geblieben waren. Und auch vom Gipfel kehrten einige zurück. Zwei Französinnen, pensionierte Lehrerinnen aus Lyon, die seit einer Woche schon von Hütte zu Hütte wanderten, mit von der ungewohnten Anstrengung tief in den Höhlen sitzenden Augen. Dazu kam ihnen eine Gruppe Studenten aus Bozen entgegen. Malte, der bisher geschwiegen hatte, fragte Thomas, ob die Aufnahme auf Sylt gemacht worden sei. Edith habe über seine Schuhe gespottet, fuhr Thomas im Erzählen fort, ohne zunächst auf Maltes Frage einzugehen. Er hatte feste Schuhe getragen, als ginge er in die Berge, während Edith Sandalen trug, die sie, die doch Wind und Kälte so sehr verabscheute, später am Strand an den Riemen in der Hand hielt. Aber glaubte man sich auf Sylt nicht bisweilen im Gebirge? Auf hochgelegenen Talsohlen? Es waren Pflanzen des Gebirges, die am Rand der Dünen wuchsen. Manchmal erschien es einem, es müsse meterhoher Schnee liegen und auf den Holzdielen der Strandlokale wäre das Poltern der Schischuhe zu hören.

Von dem Streit mit Edith vor zwei Tagen sprach Thomas nicht. Dass Edith sie auf ihrer Wanderung nicht begleitete, hatte Thomas mit einer plötzlichen Erkältung begründet. Zweifelsohne hätte Edith die richtige Entscheidung getroffen, wenn sie sich im Bett auskurierte, aber nur, weil er, Thomas, darauf verzichtete, ihr in der Sache zu irgendetwas zu raten. „Du kennst sie ja!“, lachte Thomas. „Schon aus Prinzip hätte sie das Gegenteil davon getan.“ Wenn Edith ihm in ihrer Anfangszeit vorwarf, Jugend mit Schönheit zu verwechseln, lachte sie, und er durfte über diesen Vorwurf schweigen. Dabei war ihnen auch damals nicht alles gelungen. Der Weg war steiler geworden, und weniges vor ihnen ragte die Felswand empor, als Thomas erneut stehen blieb und sich zu Malte umwandte. Der Sand nahe am Wasser musste glatt, fest und kühl gewesen sein, was er, die Füße in festen Schuhen, nicht spüren konnte, aber sich vorstellte. Mit Ediths nackten Füßen hielt er Kontakt zur Welt. Durch sie hatte er ihn wieder gefunden. Bei diesen Worten lächelte Thomas. Malte hörte weiter schweigend zu, auch als Thomas von Ediths Kinderwunsch sprach. Edith sei anspruchsvoll, ob er das wisse? Armut, die sie in ihrer Kindheit kennen lernte, erschrecke sie. Als sie den Grat erreichten, verstummte Thomas. Schweres Schuhwerk, wie vor Jahren auf Sylt, trug er auch jetzt.

Als nichts dem Fall des Steines antwortete, wandte sich Thomas doch um zum Freund. Maltes Gesicht war dem seinen ganz nah, rot und schweißüberströmt, dabei zu einer Grimasse verzogen. Aus den Felsen irgendwo oberhalb, wo im Schatten der Schnee schon liegen blieb, riss der Wind einzelne Eiskristalle, die durch die Luft wirbelten und auf ihren Wangen schmolzen. Nur kurz blieben sie so stehen, dann nahm Thomas den Weg wieder auf. Schon war das Ende des Grates erreicht und die Anspannung entlud sich in raschen, zu laut gesprochenen Worten, die widerhallten von irgendeiner Wand. Nein, so alt sei er noch nicht, dass er diesen Grat nicht mehr schaffe, das Scherzwort, das alles lösen sollte und doch wieder nur zum Nächsten ihrer Spötteleien untereinander griff.
Die Wasserflasche, die einzige, die sie bei sich trugen, war inzwischen leer. Um sie her geborstener Fels. Unwillkürlich dachte man an Zerstörung. Die abgeworfene Last eines Bombergeschwaders der amerikanischen Luftwaffe, das in der Poebene aufstieg und im Nebel den Weg verlor. Aber es waren nur der Wind und das Wasser und die wechselnden Temperaturen, die diese Landschaft formten. Thomas schob den Kopf in den Nacken. Der Himmel war blau und leer wie selten, denn kaum noch war er ohne dem Gestrichel der Kondensstreifen zu haben. Zu seiner Rechten lagen Felsen, die ins Leere hinaus standen. Einmal zog ein Vogel über sie hinweg, eine Dohle vielleicht. Der Blick zum Gipfel täuschte Nähe vor. Das ahnte er schon, dennoch war Thomas verwirrt, als das Kreuz nach wenigen Wegkehren wieder in die Ferne rückte. Bei einer Quelle, die sich aus einem Metallrohr in ein hölzernes Becken ergoss, füllte Thomas die Flasche und machte eine Aufnahme von sich und Malte, indem er die Kamera auf dem Beckenrand postierte. Die Fotografien: Das gelbe Laub einer Birke. Thomas und Malte, wie sie vor der Bernardihütte ins Licht der Mittagssonne blinzeln. Wieder Thomas und Malte, Thomas diesmal mit geschnitztem Stock, Malte mit vor Nässe glänzender Stirn, die er sich an der Quelle gekühlt hatte. Den Stock hatte Thomas neben dem Becken aufgehoben. Sei es, dass ihn das Quellwasser erfrischte, oder aber die Anspannung auf dem Grat endgültig überwunden war, fand Malte wieder zurück zur guten Laune, wie er sie noch in der Bernardihütte gehabt hatte. Indem er Thomas’ Worte vom frühen Morgen aufgriff, spottete auch er über Ediths Eigensinn. Noch an jedem seiner Bilder finde sie etwas auszusetzen, obwohl sie von Farben nicht das Geringste verstehe. „Wahrscheinlich“, fiel ihm Thomas ebenso lachend ins Wort, „hast du ihr ja neulich auch abgeraten, die grüne Bluse zu kaufen. Bei ihrem blassen Teint steht Edith Grün ja nun tatsächlich gar nicht.“ Thomas sagte das ein wenig zu laut und als das Echo davon verklungen war, blieben nur der Wind und ihr eigener Atem in der Stille zurück. Erst nach einer Weile sagte Malte, er habe, als Edith ihm am Telefon von der grünen Bluse erzählte, natürlich davon abgeraten. Also hat sie sich die Bluse doch gekauft? Aber Thomas antwortete nicht mehr und den restlichen Weg zum Gipfel gingen sie schweigend. Von seinem Streit mit Edith vor zwei Tagen sprach Thomas auch jetzt nicht.

Thomas war im Badezimmer vor dem Spiegel gestanden, wo er sich mit dem Rasierpinsel aus Dachshaar - ein Geschenk Maltes - die Wangen seifte, als er Edith fragte, wie sie den Nachmittag verbracht habe. Er gab sich gelassen, auch als Edith ihm antwortete, sich in der Stadt herumgetrieben zu haben, allein, was er für eine Lüge hielt. Sie bestand darauf, mit Malte nur telefoniert und ihn dabei zur Bergwanderung am Wochenende eingeladen zu haben. Das passe ihm doch? Oder gebe es da irgendetwas zwischen ihm und Malte, wovon sie nichts wisse? Sie stand hinter Thomas und hielt sich die grüne Bluse, die sie an diesem Nachmittag kaufte, vor den Oberkörper. Thomas nickte zustimmend mit gegen die Wange gedrückter Zunge.
„Ist Malte denn nicht erkältet?“, fragte er leise, aber da war Edith bereits vom Bad ins Schlafzimmer hinübergewechselt, weswegen sie ihn unmöglich noch hören konnte. Worüber sie noch gesprochen hätten, Sie und Malte am Telefon, fragte er deshalb jetzt laut. Was er nicht fragte: Ob Edith daran denke, die nicht sehr saubere und zugige Dusche in Maltes Atelier ihrem eigenen Badezimmer vorzuziehen und Maltes Künstlerexistenz dem Leben an der Seite ihres Mannes. Die Antwort darauf war Ediths Worten nicht zu entnehmen, womit sie erzählte, dass Malte sich überlege, ob er dieses Jahr zur Biennale nach Venedig fahren solle.
Eine halbe Stunde später, eine sinnlose Szene. Er wusste es selbst. Der Streit nahm eine unwichtige Nebensache zum Anlass, ein alltägliches Detail, nicht der Rede wert und im nächsten Augenblick vergessen. Thomas schlug wütend gegen die Armaturen und vor der verdutzten Edith schrie er sich heiser, ohne Brille und deshalb halb blind, in den Mundwinkeln den Schaum der Zahncreme, mit nacktem Oberkörper und vor Wut zitternden Händen. Sie antwortete nur, ihn nicht mehr zu verstehen und deshalb die Nacht auf der Wohnzimmercouch zu verbringen. Im Waschbecken ein zerbrochener Spiegel.

Auf dem Gipfel, dem höheren der beiden aufragenden Felsspitzen, nannte Malte die anderen Berge, die zu sehen waren. Grübler, Geier-Spitze, Kreuzjoch, in weiterer Entfernung Natterwand und Toter Mann. Zuerst dachten sie sich allein, dann stand plötzlich ein Dritter bei ihnen. Dohlen umkreisten sie. Das Rascheln des Gefieders, wenn sie einmal dem Wind trotzten. Der Dritte war schon lange hier heroben, durchfroren war er und wollte deshalb wieder absteigen. Aber vorher reichte er eine Toblerone. Dann ein knapper Gruß. Schon war er überraschend weit weg, auf Spielzeuggröße geschrumpft, übrigens auf dem nordseitig gelegenen Abstieg, über den auch Thomas und Malte gekommen waren. Dieser Dritte wird genau beschrieben: Einer mit Feldstecher, die Trinkflasche, zerbeultes Metall, am Riemen quer über die Schulter. Städtisch, trotz des Dialekts dieses Landstrichs, dabei etwas Papieren-Trockenes in seiner Erscheinung, ein spitzes Koboldgesicht, also keiner, der für sich einnimmt, etwa um die Fünfzig und in tadelloser alpiner Aufmachung. Trotzdem wohl keiner, der oft in die Berge geht. Beim Absteigen trat er mehrmals Gestein los, das dem Auge unsichtbar mit vom Echo vervielfachtem Gepolter in die Tiefe kollerte. Einmal pfiff Malte ihm verärgert nach, wollte ihn auffordern, Steinschlag zu vermeiden, aber der Pfiff verhallte, oder der andere hatte ihn für den Laut eines Murmeltiers gehalten. Allen Aufrufen zum Trotz wird dieser unbekannte Dritte sich bei den Behörden nicht melden. Auch das Gipfelbuch gibt keine Auskunft.

Malte schlug vor, als Abstieg die Südroute zu wählen. So könnten sie auch vom näher gelegenen Hahnreith mit dem Taxi zurück nach Kirchhofen fahren, wo Thomas’ Wagen steht. Thomas, der die Brille mit einem Tuch putzte, hörte nicht zu. Eine Szene in der Bernardihütte fiel ihm wieder ein. Gegen seine Gewohnheit hatte Malte kein Bier getrunken, sondern Tee bestellt. Dabei hatte er die Teebeutel aus der Kanne gezogen und sie eine Weile unschlüssig zwischen seinen Fingern hochgehalten. Schon da war Thomas erschienen, das Baumeln der Teebeutel gelte ihm, so, als verspotte Malte ihn auf diese Weise. Natürlich war ihm die Exzentrik dieses Gedankens sofort bewusst gewesen und er hatte versucht, ihn als unsinnig abzutun. Was sich aber nicht vermeiden ließ: Dass er wieder an Maltes Reise nach Basel im Mai dachte, zu einer Zeit, als er selbst in einer Firmenangelegenheit nach Salzburg musste. Edith, die ihn für gewöhnlich begleitete, hatte damals den Wunsch geäußert, ein paar Tage allein zu verbringen. Ein Gespräch mit Edith über Chagall, worin sie sich über den Engelsturz aus dessen Spätwerk unterhielten, fiel in die unmittelbar daran anschließenden Wochen. Angeblich hatte Edith das Bild in München gesehen, noch vor ihrer gemeinsamen Zeit, und Thomas war nur übrig geblieben, ihr ausgezeichnetes Gedächtnis zu bewundern. Sollte er Malte hier auf dem Gipfel fragen, ob der Engelsturz in Basel hing? Aber wozu? Er wusste es ja längst selbst. Thomas schob die Brille zurück auf die Nase. Die fernen Gipfel sprangen zurück in ihre festen Umrisse. Maltes Gesicht war gerötet und auf der Stirn perlte Schweiß. Noch waren sie nicht lang auf dem Gipfel, aber schon fror er, weshalb Malte, während er noch sprach, den Knoten der Windjacke, die er sich um die Hüften gebunden hatte, löste und sie sich überzog. Wie vorhin am Grat hatte Thomas den Eindruck, seinen Freund gar nicht zu kennen. Oft hatten er und Edith über das „Romantische“ in Malte gespottet. Der soviel Jüngere schien weniger in die Gegenwart zu gehören, als er, Thomas. Ohne es sich im Letzten erklären zu können, hatte Thomas Anfangs gerade deswegen keine Eifersucht empfunden, wenn Edith Malte im Atelier besuchte, sie dort Wein tranken, Edith auf dem Boden sitzend, den Rücken an den Heizkörper gelehnt, der nie richtig warm wurde.
Was für ein Idiot er war! Aber jetzt endlich sah er deutlich. Vielleicht lag es ja an der klaren Gebirgsluft, oder dem weiten Horizont hier auf dem Gipfel, zweitausend Meter über dem Meer und allem, was den Blick verstellt. Tausend Dinge ordneten sich, all das Gesagte und Nicht-Gesagte. Jetzt war es Gewissheit: Edith und Malte betrogen ihn. Ganz ruhig war er, während er das dachte. Die Hände, die vor zwei Tagen noch vor Wut gezittert hatten, legten jetzt sorgfältig gefaltet das Brillentuch zurück ins Etui. Den Verrat, das Gespinst aus Lügen, Wälzen im fremden Bett, Lust, die nicht er ihr gab, das alles konnte er ertragen. Mehr noch: die Scham dessen, der hintergangen wurde, das Bild eines Alten, der blind herumtapste, worüber die anderen lachten. Und wenn er nicht mehr blind war, weiter so tun zu müssen, als wäre er es. Dazu weiter Freund sein, der bei der Karriere half und reichlich Geld zusteckte. Selbst eingesponnen in ein Netz aus Lügen, daran mitzuweben. Auch lieben zu müssen, mehr vielleicht, als er es je getan hatte, würde er ertragen. Was er nicht ertrug, war der Gedanke, Edith könne ihn verlassen.
Jemand hatte Steine aufgeschichtet, um sich den Rastplatz gegen Wind zu schützen. Mit dem Stock tastete Thomas gegen die Mauer zu seinen Füßen, dessen oberster Stein fiel. Ein kurzes Poltern, dann stürzte er hinaus in die Stille.

Den Stock werden sie auch finden am Fuß des Grates, fast unversehrt, nur die Spitze geborsten und an zahlreichen Stellen die Rinde fasrig aufgerissen. Noch steht das Holz im Saft, ist biegsam und elastisch. Die Schnitzereien verraten handwerkliches Geschick. Deutlich sind zwei Steinböcke zu erkennen, die mit eingezogenem Kopf aufeinander einrennen. Spuren eines Kampfes werden auf dem Grat nicht gefunden.
Malte war irritiert. Der fallende Stein gefährdete alle, die über die Südseite heraufstiegen. Thomas gab sich gleichgültig. Er lachte jetzt sogar laut. Über Hahnreith nach Kirchhofen, wiederholte er, als überlege er ernsthaft. Dabei war es doch gerade erst drei Uhr vorbei und sie hatten also genug Zeit, noch vor dem Dunkelwerden auch zu Fuß wieder in Kirchhofen zu sein. Laut aber sagte er, noch nicht so alt zu sein, dass er den Grat nicht auch ein zweites Mal gehen könne! Ungeschickterweise verschüttete er auf dem Gipfel das restliche Wasser, als er es Malte weiterreichte. Die Flasche war also wieder leer. Natürlich, wenn Malte garantieren könne, auch auf dem südseitig gelegenen Weg rasch auf eine Quelle zu stoßen. Sie entschieden also, wieder den Weg zu nehmen, den sie gekommen waren. Vorher aber fotografierte Thomas noch: Den Blick vom Gipfel. Kreuzjoch. Natterwand. Toter Mann. Malte und er vor dem Gipfelkreuz. Malte allein. Sein Haar in struppiger Unordnung, den glasigen Blick leicht zur Seite und aus dem Bild gerichtet. Was Thomas während der Wanderung nicht bemerkt haben wollte, werden die Bilder deutlich zeigen. Offenbar hatte sich Maltes Erkältung verschlimmert. Vielleicht fieberte er auch schon.
Endlich begannen sie den Abstieg. Schon waren sie an der ersten Wegbiegung und der Blick zurück zeigte das Gipfelkreuz in überraschender Ferne. Diesmal aber ging Malte voran, gefolgt von Thomas, dessen Rechte fest den Stock umfasste. Ringsumher die Felsen wie aufgewühlte Gischt, versteinert in einem Augenblick, oder auch nur einer Zeitlichkeit unterworfen, die den menschlichen Maßstab sprengte, Sturmwellen, deren Bewegung sich dem Auge entzog. Unterhalb der benachbarten Gipfel lag ein Schneefeld in ein intensives, künstlich wirkendes Gelb getaucht. Wie müsste es sein, jetzt dort oben im Schnee! Wenig später aber kippte das Gelb ins Grau, während der nackte Fels darüber noch im Sonnenlicht leuchtete. Für den einsamen Wanderer hätte sich alles verwandelt. Der Schnee fahl wie Mondlicht. Und wenn es gerade noch warm schien, so fiel jetzt die Temperatur ins Bodenlose. Stapfen im knietiefen Schnee, kreuzen der eigenen Spur. Wieder erreichten sie eine Wegkehre. Die Dohlen, beim letzten Halt nur noch schwarze Punkte, die mit klagenden Rufen den verlassenen Gipfel umkreisten, waren jetzt dem Blick entschwunden. War dort vorne nicht schon das Plätschern der Quelle zu hören?

Von dem Streit wird auch Edith nichts erwähnen. Sie wird das mit der Erkältung wiederholen und aufzählen, was sie an diesem Tag im Fernsehen angesehen hat. Wenn sie dann von „dem Fall“ spricht, werden die Beamten ihr ins Wort fallen und versichern, nur routinemäßig zu untersuchen. Ein paar Fragen werden die Beamten Edith trotzdem nicht ersparen können. Über ihre Ehe. Ihr Verhältnis zu Malte Störring. Plötzlich wird von einer Reise nach Basel im Mai zusammen mit Malte die Rede sein. Edith, die, während die Finger ihrer Rechten nervös am Kragen der neu gekauften grünen Bluse nesteln, alles abstreitet und in der fraglichen Zeit allein Zuhause gewesen sein will. Später: Edith in Tränen. Dabei lässt sich alles mühelos aufklären. Voilà! Thomas, breitbeinig und mit dem Lachen eines Zirkusdirektors, so stellt er es sich vor, steht in der Mitte des Wohnzimmers und deutet hinüber zum Spiegel an der Wand, falsches Rokoko aus vergoldetem Gips. „Das war doch nicht dieses Wochenende, Edith“, wird er sagen. „Du weißt doch, dass wir im Mai in Salzburg waren.“ Es wird vorwurfsvoll klingen, als ärgere er sich nicht zum ersten Mal über die Zerstreutheit seiner jungen Frau. Der Spiegel stammt aus einem Salzburger Antiquariat, wo Edith, die für diese Dinge nun einmal eine Schwäche hat, ihn erwarb, als sie ihren Mann bei seiner Dienstreise begleitete. Wenn es doch einen Verdacht gab, eine Spur, so verlieren sie sich hier im Sand. Einmal wird die untersuchende Behörde dann aber doch noch hinauf zur Bernardihütte müssen, weil die Kellnerin gegenüber einem Journalisten aus Wien davon gesprochen haben soll, wie der Ältere der beiden Männer mit dem Jüngeren in Streit geraten war. Die Kellnerin wird aber den Beamten gegenüber aussagen, es habe sich nur um irgendeine Unstimmigkeit wegen des Tees gehandelt, den der Jüngere bestellte, ein rascher Wortwechsel, eine Lappalie, nicht der Rede wert und von dem Journalisten, der einem jedes Wort umdreht im Mund, nur aufgebauscht. Die Beamten werden die Aussage protokollieren und zu den Akten geben, der Fall, der nie einer war, für abgeschlossen erklärt.

Ein schmaler Grat. Zwei Männer, die ihn gehen. Vorsichtig setzen sie ihre Schritte, was aber nicht verhindert, dass sich ein Stein löst. Nach wenigen Sekunden springt das Gepolter hinaus in die bodenlose Stille. Atemloses Horchen, bis der Stein irgendwo aufschlägt. Jetzt nur nicht den Blick nachschicken in die Tiefe, die einen machtvoll anzieht.

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