Krimi

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Ein kleiner Ruck, dann kam der Sessellift mit einem unangenehmen Knirschen zum Stehen. Ein paar mal gab das Stahlseil noch einen quälenden Laut von sich, dann hing der Sessel ruhig und es wurde still. Unheimlich still.

Alexander Dallmayer war als letzter Fahrgast eingestiegen. Die anderen Skifahrer waren längst mit der Gondel weg. Kein Wunder, bei dem Tauwetter. Bis ins Tal abfahren konnte man schon seit Tagen nicht mehr.
Auch die Piste, die zu dem auf halber Höhe gelegenen autofreien Skiparadies führte, in dem Dallmayer seit fast 20 Jahren seinen Urlaub verbrachte, war wegen der schlechten Schneeverhältnisse nicht mehr befahrbar. Die Urlauber, die dort logierten, machten die letzte Tagesabfahrt im Sessellift. Sonderlich komfortabel war das nicht. Doch jetzt war die Wintersaison ohnehin zu Ende. Am Mittag hatte es in den höheren Lagen heftig zu schneien begonnen, aber der Schnee war nass und matschig und hier ging der Niederschlag in ekelhaften Nieselregen über. Und jetzt zog auch noch Nebel auf.
Hoffentlich ging es gleich weiter. Wahrscheinlich ein technischer Defekt. Der Lift zur Talstation, die am Ende des Dorfes hinter der kleinen Kirche lag, war alt. Es gab nicht einmal eine Plexiglashaube, so dass man der Witterung ungeschützt ausgeliefert war. Dallmayer spürte bereits, wie die Feuchtigkeit an den Oberschenkeln durch seine Skihose drang. Er schaute auf seine Armbanduhr. 17.15 Uhr. Der letzte Lift fuhr um 17 Uhr und die Fahrt dauerte nicht viel länger als zehn Minuten. Er hing schon mindestens fünf Minuten fest.
So langsam bekam er es mit der Angst zu tun. Er erinnerte sich an eine Frau, die vor einigen Jahren mit ihren Kindern bei der letzten Talfahrt im Lift vergessen worden war und sich beim Sprung in die Tiefe schwer verletzt hatte. Instinktiv blickte Dallmayer nach unten. Ihn schauderte. Unterdessen war der Nebel so dicht, dass er den
Boden nicht mehr sehen konnte, er schätzte aber, dass es mindestens zehn Meter waren. An einen Absprung war nicht zu denken. Krampfhaft überlegte er, ob vor ihm noch jemand eingestiegen war. Er vermeinte sich an einen Mann zu erinnern. Gut möglich, dass der bereits ausgestiegen war. Dennoch begann er laut zu rufen: „Hallo, ist da jemand. Hallo?“
Keine Reaktion. Der Nebel schien seine Rufe zu verschlucken. Dallmayer, der nun einen Anflug von Panik verspürte, versuchte sich zu beruhigen. Notfalls hatte er immer noch sein Handy mit dem er Hilfe rufen konnte. Falls er hier überhaupt Empfang hatte. Mit klammen Fingern zog er das kleine Gerät aus seiner Brusttasche, sorgsam bemüht, es ja nicht fallen zu lassen. Einmal mehr fluchte er über die kleinen Tasten, die er auch ohne steif gefrorene Finger kaum bedienen konnte. Nach mehreren Versuchen hatte er das Handy endlich eingeschaltet. Ein Glück: Der Empfang schien zwar nicht optimal, aber für einen kurzen Anruf im Hotel müsste es reichen. Dallmayer ließ das Telefonverzeichnis durchlaufen, doch dann hielt er plötzlich inne. Vielleicht war es besser, noch eine Weile auszuharren. Vielleicht war dies ja die Gelegenheit auf die er so lange gewartet hatte. Je länger er hilflos im Lift hing, umso dramatischer konnte er die Geschichte später präsentieren. Schließlich konnte kein Mensch wissen, dass er gleich Empfang hatte. Er sah bereits die Schlagzeilen vor sich:
„Berühmter Münchner Schriftsteller hing stundenlang bei eisigen Temperaturen im Sessellift fest.“
Na ja, berühmt stimmte nicht mehr so ganz. Berühmt war er vor 20 Jahren einmal gewesen, als er mit seinem Erstling „Der Wartesaal“ auf einen Schlag die Bestsellerlisten stürmte. Dann war der Roman auch noch verfilmt worden und Dallmayer hatte für Jahre ausgesorgt. Doch dann konnte er nichts Entsprechendes nachschieben. Sein zweiter, in ganz ähnlichem Stil, verfasster Roman „Zeitlos“ war von denselben Kritikern gnadenlos verrissen worden. Er hatte danach noch einige Erzählungen veröffentlicht, aber für den großen Wurf hatte es nicht gereicht. Seither war er auf der Suche nach einem Stoff mit dem er an den Erfolg von damals anknüpfen konnte.
Deshalb durfte er eine solche Chance keinesfalls ungenutzt verstreichen lassen. Mittlerweile goss es in Strömen, doch für ein paar deftige Schlagzeilen, konnte er einen Schnupfen riskieren.
Der jährliche Ski-Urlaub war wie eine Reise zurück in bessere Zeiten. Hier war er noch der umschwärmte Schriftsteller, hier hatte Dallmayer, der zuhause heimlich homoerotische Neigungen pflegte, eine weibliche Fangemeinde, die sein sorgsam aufgebautes Macho-Image festigte. Doch ehrlich betrachtet, war es auch damit längst vorbei. Zwar suchten die weiblichen Dauergäste immer noch seine Nähe, doch sie waren mit ihm in die Jahre gekommen und von den jungen hübschen Hotel-Angestellten und den wenigen jüngeren Urlauberinnen kannten ihn die wenigsten.
Das würde sich mit dem heutigen Nachmittag hoffentlich ändern. Fröstelnd warf Dallmayer einen Blick auf seine Uhr. Erst 17.45 Uhr, doch die halbe Stunde, die er nun schon im Lift fest hing, kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Der Skianzug war an einigen Stellen völlig durchnässt und die kalten Klamotten klebten unangenehm auf seiner Haut. Sein Nacken war steif und er spürte, wie sich die ersten stechenden Schmerzen in seinem Kopf ausbreiteten. Er sehnte sich nach einem heißen Bad. Wenn er noch lange hier saß, würde er sich den Tod holen. Entschlossen griff Dallmayer nach dem Handy.

Quietschend setzte sich der Lift in Bewegung. Endlich. Dallmayer seufzte vor Erleichterung. Seit er das Hotel alarmiert hatte, waren weitere 20 Minuten vergangen und mittlerweile fühlte er sich wirklich sterbenselend. Doch was war das? Nach wenigen Metern hielt der Lift wieder an. Wieso ging es nicht weiter? Dallmayer konnte die Talstation bereits schemenhaft durch den Nebel sehen. Unwirsch begann er laut um Hilfe zu rufen. Angestrengt starrte er durch den Nebel. Er vermeinte nun einige Personen zu erkennen, die aufgeregt um den Liftausstieg herumliefen. Gesprächsfetzen drangen zu ihm durch. „Dallmayer... etwas gedulden....“ „holen sie gleich..“ „haben hier....Toten..“
„Einen Toten?“ Ja, er war sich ziemlich sicher, dass er das Wort „Toter“ oder „Toten“ gehört hatte. Vielleicht hatte der Liftbetreiber einen Herzinfarkt erlitten und den Lift aus Versehen gestoppt. Aber das erklärte immer noch nicht, warum man ihn hier zappeln ließ.
Nach einigen weiteren Minuten, die ihm endlos erschienen, setzte sich der Lift erneut ächzend in Bewegung. Und diesmal kam er ohne weitere Unterbrechung unten an.
„Was ist denn hier los“, fragte er den jungen Mann, der ihm kreidebleich aus dem Sessel half.
„Der arme Herr Loibel. Er saß tot in seinem Sessel“, flüsterte der Mann und wies auf eine am Boden liegende Gestalt. Zwei Sanitäter beugten sich über ihn, sie schienen ihre Bemühungen jedoch bereits aufgegeben zu haben. Neben ihnen stand Schuler, der Dorfpolizist. Dallmayer ging rasch auf ihn zu. Schuler drückte ihm ernst die Hand. „Grüß Sie, Herr Dallmayer.“
„Herzinfarkt?“ „Nein, stellen Sie sich vor, er wurde ermordet.“
„Ermordet?“, fragte Dallmayer erschrocken.
„Ja, er wurde erschossen. Der maskierte Täter ist in aller Ruhe ausgestiegen und hat mit seiner Waffe den Liftbetreiber gezwungen, den Lift abzuschalten. Danach hat er den armen Mann gefesselt und das Weite gesucht. Der Kommissar ist bereits unterwegs. Ich muss Sie bitten, sich für eine Vernehmung bereit zu halten. Sie können im Aufenthaltsraum warten.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, wetterte Dallmayer, der sein Fassung nun wieder erlangt hatte. „Ich bin nass bis auf die Haut und muss so schnell wie möglich aus diesen Klamotten raus. Schuler, Sie kennen mich. Ich laufe Ihnen doch nicht davon. Ich wohne wie immer im „Albblick“. Ich gehe jetzt ins Hotel und Ihr Kommissar kann mich nachher dort befragen.“
„Aber Herr Dallmayer, ...?“, protestierte Schuler zaghaft. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, wie er mit einem prominenten Zeugen umgehen sollte, der unerlaubt einen Tatort verließ. Dallmayer nutzte sein Zögern und setzte sich kurzerhand in Bewegung. „Nun gut, dann kommen wir halt nachher ins Hotel“, gab der Polizist klein bei.
Im Weggehen warf Dallmayer einen Blick auf die blutüberströmte Leiche, die gerade abgedeckt wurde. Er kannte den alten Loibel. Seine Tochter war die Wirtin, die das Gasthaus bei der Mittelstation betrieb. Vor zwei Stunden hatte er den rüstigen Alten noch im Gastraum gesehen, wo er mit seinen Enkeln gespielt hatte.
Nicht zu fassen: Ein Mordfall und er selbst steckte mittendrin. Dies würde die Schlagzeilen geben, auf die er solange gewartete hatte. Und vielleicht würde das sogar seine Fantasie anregen. Aber beim Gedanken an den toten Loibel hätte er gerne auf diese Art von Inspiration verzichtet.

„Und Sie sind sicher, dass Sie den Schuss nicht gehört haben?“
„Wenn ich es Ihnen doch sage. Vielleicht hat der Täter einen Schalldämpfer benutzt. Oder der Nebel hat das Geräusch verschluckt.“
So langsam wurde Dallmayer ungeduldig. Obwohl er sofort ein heißes Bad genommen hatte, spürte er, dass eine dicke Erkältung im Anflug war. Er wollte so schnell wie möglich ins Bett. Doch nun saß er schon seit einer halben Stunde mit dem Kommissar in der fast leeren Hotelbar und beantwortete dieselben Fragen.
„Und Ihnen ist auch nichts Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Nein, wirklich nicht. Weder in der Gastwirtschaft, noch an der Liftstation. Ich habe mich dort mit einem der Mitarbeiter unterhalten und nicht auf den alten Mann geachtet. Wer vor ihm eingestiegen ist, habe ich auch nicht gesehen.“

Bei dem Gedanken, dass sich der Schütze ebenfalls im Lift befunden haben musste, höchsten ein, zwei Sitze vor Loibel und von dort aus den harmlosen alten Mann erschossen hatte, lief es Dallmayer kalt über den Rücken.
„Sind Sie sicher, dass der Anschlag überhaupt Loibel galt?“
„Sicher ist nur, dass Sie es wohl nicht gewesen sein können“, brummte sein Gegenüber, „Auf den Mann wurde von vorne geschossen. Aber wenn Sie das meinen: Als potentielles Opfer kommen Sie durchaus auch in Frage.“
Der Kommissar musterte ihn nun mit neu erwachtem Interesse. „Falls Sie also einen Verdacht oder eine Vermutung haben? Wurden Sie denn bedroht?“
„In meinem Gewerbe gibt es immer Neider, aber deshalb bringt man doch niemanden um. Nein, nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass der Anschlag mir gegolten haben sollte“, wehrte Dallmayer diese publicity-trächtige Variante des Geschehens halbherzig ab.
In diesem Moment betrat ein bleicher junger Mann die Bar und sah sich nervös um. Als er Dallmayer erblickte, nickte er leicht und setzte sich dann an einen kleinen Tisch an der Wand. Der Schriftsteller war wie vom Donner gerührt. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. „Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja leichenblass?“, fragte der Kommissar, der mit dem Rücken zu dem Neuankömmling saß und von dem Blickkontakt der beiden nichts mitbekommen hatte.
„Doch, nein, mir ist wirklich nicht gut. Ich glaube ich habe hohes Fieber“, stotterte Dallmayer.
„Tja, dann setzen wir unser kleines Gespräch besser morgen fort.“
„Eigentlich wollte ich morgen abreisen, aber ich kann auch noch ein oder zwei Tage dranhängen“, räumte Dallmayer ein und stand auf. Ihm war alles recht, wenn er nur endlich auf sein Zimmer konnte.
„Also dann gute Besserung, Sie hören von uns“, verabschiedete sich der Kommissar.
Dallmayer verließ fluchtartig die Hotelbar, ohne den jungen Mann eines Blickes zu würdigen. Er war allerdings nicht überrascht, als ihm der Portier eine Nachricht zusteckte. Mit zitternden Fingern öffnete er den Umschlag in dem sich ein kleiner Zettel befand. Darauf standen nur zwei Worte: „Ruf an!“

Frierend stand Dallmayer auf der kleinen Aussichtsplattform und wartete. Er war es gewohnt, auf Mario zu warten. Mario kam immer
zu spät. Vor zwei Jahren hatte er mit dem Italiener eine lose Beziehung begonnen, die in den letzten Monaten auf Betreiben des jungen Mannes etwas enger geworden war. Zu eng, wie Dallmayer fand, dem seine Unabhängigkeit eigentlich über alles ging. Der Skiurlaub war für ihn wie eine kleine Flucht gewesen, eine willkommene Unterbrechung der bereits zur Routine gewordenen Zweisamkeit. Dass Mario ihm jetzt nachgereist war konnte nur bedeuten, dass er etwas gründlich missverstanden hatte.
Vorsichtig stützte sich Dallmayer auf den morschen Balken, der die Plattform zu Schlucht hin absicherte. Der Aussichtspunkt, der nur wenige Minuten von seinem Hotel entfernt lag, war sein Lieblingsplatz. Im Sommer hatte man von hier eine prächtige Aussicht auf einen kleinen Wasserfall und manchmal konnte man sogar Murmeltiere beobachten. Im Winter glich die Schlucht einer gefrorenen Märchenlandschaft. Im Dunkeln war von dem beeindruckenden Naturschauspiel jedoch nichts zu erahnen. Dallmayer war es gleich, er hätte es heute ohnehin nicht genießen können. Hastig drehte er sich um, er hatte ein Geräusch gehört.
„Mario?“
„Alexander, Ich wollte dir doch nur helfen.“ Der junge Mann, der auf Dallmayer zustürzte, wirkte verzweifelt. Er wollte Dallmayer umarmen, doch der stieß ihn ärgerlich von sich.
„Bist Du verrückt, hier aufzutauchen. Wir hatten doch ausgemacht, dass Du in München bleibst.“
„Ich wollte Dir doch nur helfen!“, wiederholte Mario stockend.
Dallmayer, dem die Tragweite dieser Worte erst jetzt aufging, packte Mario an den Schultern und schüttelte ihn. „Du Wahnsinniger, was hast Du getan?“
„Ich wollte den Alten nur etwas erschrecken. Du hast doch gesagt, du könntest mal wieder richtige Schlagzeilen gebrauchen. Und da habe ich ein bisschen nachgeholfen.“
„Mein Gott, das darf nicht wahr sein. Du hast ihn umgebracht?“
„Umgebracht? Ich habe ihn doch nicht umgebracht, ich habe lediglich auf seine Schulter gezielt. An einem Streifschuss ist noch niemand gestorben.“
„Dann hast du aber bei dem Nebel kräftig daneben geschossen.“
„Als ich im Lift saß, war die Sicht okay. Alex, ich schwöre, ich habe nur auf seine Schulter gezielt. Du weißt doch, wie gut ich schieße.“
Das stimmte. Mario war ein ausgezeichneter Schütze. Wenn es sich Dallmayer recht überlegte, war der Nebel erst aufgezogen, als der Lift schon eine Weile stand. Doch das machte die Katastrophe nicht geringer.
„Jedenfalls ist der alte Mann tot. Ich wurde sogar schon von der Polizei verhört!“
„Das wollte ich nicht. Alexander, du musst mir helfen“, Marios Stimme nahm jetzt einen drohenden Unterton an, „wenn du mir nicht hilfst, sage ich, du hast mich angestiftet“, setzte er trotzig hinzu.
Genau das hatte Dallmayer befürchtet. Er überlegte fieberhaft. Er musste Mario unbedingt beruhigen.
„Was hast du dir bloß dabei gedacht. Wo bist du abgestiegen?“
„Nirgends, ich dachte, ich könnte bei dir übernachten.“
„Das ist völlig unmöglich, du musst sofort verschwinden. Im „Alpenglühen“ ist heute Disco-Abend. Dort mischst du dich unter die Gäste. Danach fährst du mit dem Bus ins Tal.“
„Aber...“ „Nichts aber! Alles Weitere bereden wir, wenn ich wieder zu Hause bin. Und jetzt hau schon ab“, er umarmte Mario flüchtig, „wir dürfen auf keinen Fall zusammen gesehen werden.“
Mario, der keineswegs überzeugt schien, lief widerwillig los.
Dallmayer wartete noch eine Weile, dann ging auch er zurück.
Ein Jahr später: Dallmayer stellte die Langlaufski ab und stieg vorsichtig zu der Aussichtsplattform hinab. Ohne das wackelige Geländer zu berühren, das immer noch nicht erneuert worden war, schaute er sich um. Das Wetter war herrlich und die märchenhafte Kulisse des zu Eis erstarrten Wasserfalls würde einen prächtigen Hintergrund abgeben.
Dallmayer war rundum zufrieden. Wenn er an das Gespräch vor knapp einem Jahr an dieser Stelle dachte, mochte er kaum glauben, wie sich alles zum Positiven entwickelt hatte. Er hatte den ungeklärten Mordfall (bei dem es sich genau genommen um eine schwere Körperverletzung mit Todesfolge handelte, denn der alte Loibel war nicht an der Schussverletzung, sondern an einem Herzinfarkt gestorben), zur Vorlage eines Kriminalromans gemacht, der demnächst erscheinen würde. Der Vorabdruck in einer renommierten Literatur-Zeitschrift hatte eine überwältigende Resonanz. Über Nacht war er wieder der begehrte Schriftsteller. Die Journalisten rannten ihm die Bude ein, zumal er angekündigt hatte, dass „Endstation Paradies“ einen überraschenden Schluss erhalten würde. Selbst im Skiurlaub hatte er Interviews gegeben und heute wollte ihn die Fotografin eines Münchner Lifestyle-Magazins an seinem Lieblings-Platz vor dem Wasserfall ablichten.
Eigentlich konnte er Mario nur dankbar sein. Andererseits konnte der sich auch nicht beschweren. Er hatte ihn als Sekretär angestellt und ihm einen großen Wunsch erfüllt: Obwohl er selbst Hunde gar nicht leiden konnte, hatte er Mario einen riesigen Berner Sennenhund geschenkt. Leider schien das Vieh, das Mario ausgerechnet „Dalli“ genannt hatte, seine Antipathie nicht zu teilen. Immer wenn Dalli ihn sah, sprang sie vor Freude an ihm hoch.
Damit Mario Ruhe gab, hatte er zudem eine Lebensversicherung abgeschlossen bei der er ihn als Begünstigten einsetzte. Und in seinem Testament stand Mario als Alleinerbe.
Zunächst war Dallmayer mit dem Arrangement ganz zufrieden gewesen, aber in letzter Zeit ging ihm Mario gewaltig gegen den Strich. Mittlerweile fieberte er der Veröffentlichung von „Endstation Paradies“ entgegen, die ihn mit einem Schlag von den finanziellen wie privaten Sorgen erlösen würde. Einen Knaller hatte er seinen Lesern versprochen und einen Knaller würden sie bekommen, denn der Schluss war nichts Geringeres als die Wahrheit!
Natürlich könnte die Wahrheit auch ihn in Verruf, vielleicht sogar ins Gefängnis bringen. Wenn ihn Mario entsprechend beschuldigte. Doch er war fest überzeugt, dass am Ende er als strahlender Sieger dastehen würde. Marios Stellung als Sekretär, die Lebensversicherung, das Testament - hatte er all das nicht nur getan, um Marios Erpressungen Einhalt zu gebieten? Und dann die Gewissensbisse, die er sich wegen dem Tod des alten Mannes machte. „Endstation Paradies“ wäre eine Beichte, die ihn mit einem Schlag rein waschen und reich machen würde.
Dallmayer hörte ein Knirschen im Schnee. Er drehte sich um. Aus dem Augenwinkel sah er einen Schatten, der rasch näher kam. Trotz Skibrille fühlte er sich von der tief stehenden Sonne geblendete und so erkannte er zu spät, was da auf ihn zuraste. Er rief noch ein ersticktes „Dalli, nein“, da hatte der riesige Hund ihn bereits angesprungen. Dallmayer taumelte und griff instinktiv hinter sich nach dem Holzbalken, der im selben Moment nachgab.
Im Fallen kam Dallmayer der triumphierende Gedanke, dass das letzte Kapitel seines Romans bereits versiegelt bei seinem Verleger
Lag. Dann erst wurde ihm die ganze Ironie des Schicksals bewusst: „Endstation Paradies“ würde weit dramatischer enden als er es beabsichtigt hatte.

Dalli, die beim Zusammenprall mit Dallmayer fast mit ihm in die Tiefe gerissen worden wäre, stand zitternd am Abgrund. Noch nie in ihrem kurzen Hundeleben hatte sie ein derart schlechtes Gewissen. Als sie den Pfiff ihres Herrchens hörte, trottete sie mit eingezogenem Schwanz los. Doch wie staunte sie, als statt der erwarteten Standpauke eine Handvoll Hunde-Leckerlis auf sie warteten ...

Platzhalter-innen und * für Transgender

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