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Anfangs Juni eröffnete die neue Gotthard-Eisenbahn. Europa rückt damit wieder ein Stück näher zusammen. Doch kurbelt das Jahrhundertbauwerk auch die Wirtschaft im Kanton Uri an?

Das Rolltor im urnerischen Amsteg öffnet sich langsam. Zwei kleine Besucherbusse fahren in den zwei Kilometer langen Zugangsstollen hinein. Leuchtröhren beidseits der gewölbten Steinwände markieren den Strassenverlauf im dunklen Berg. Halt ist an einer Gabelung dreier weiterer Stollen. „In 600 Metern Höhe über uns liegt das Maderanertal, das schönste Wandertal der Schweiz“, sagt der Tunnelführer Ruedi Sommer beim Besucherrundgang auf der Baustelle. Während zehn Jahren hat der Urner die Ausbrucharbeiten begleitet. Die ersten Sondierungsgrabungen zum Bau begannen bereits vor 24 Jahren. Der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt ist ein Projekt der Superlative.

Riesige Hürden genommen

Ein Risiko im Tunnelvortrieb bildeten die verschiedenen Gesteinsschichten. „Durch vorgängige Sondierungsbohrungen erkundete man die Geologie bestmöglich“, erklärt Sommer. Massgeblich für den Vortrieb war die speziell gebaute Hartgesteins-Tunnelbohrmaschine mit 9,5 Metern Durchmesser der deutschen Firma Herrenknecht. Für die Montage der 440 Meter langen Maschine mussten Kavernen von der Grösse 45x20x20 Metern frei gesprengt werden. Die Gruppe betritt die Weströhre. Diese Röhre verläuft vom Standort schnurgeradeaus nach Süd wie Nord. Deren südlicher Teil liegt im Tessin. Im Norden ragt sie in den Zentralschweizer Kanton Uri hinein. Das Herz des Landes, könnte mit dem neuen Tunnel so etwas wie das Herz Europas werden.

 

Ein Bahnhalt für Flüelen

Die neue Flachbahn weckt grosse Hoffnungen im gerade mal 36000 Einwohner zählenden Kanton. Denn am Bahnhof Flüelen sollen ab Betriebsbeginn im Dezember täglich 3 IC-Züge halten, so die aktuelle Medienmeldung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Damit bestünde Anschluss an die, vielleicht bald wichtigste, Nord-Süd-Verkehrsachse über die Alpen. Die  neue Flachbahn wird schneller sein, als die alte Passroute. Sie quert das Gebirge auf eine Höhe von 550 Metern und kann durch minime Steigungen und Kurven auch mehr Personen und Güter befördern. Die Strecke Zürich-Mailand verkürzt sich also um etwas mehr als eine Stunde, von seither vier auf nur noch zwei Stunden fünfzig Minuten. Europa rückt so noch ein Stück näher zusammen. Die wirtschaftlichen Weichen für den Gebirgskanton Uri sind, so hoffen viele im Kanton, gestellt. Bisher liegt sein Bruttoinlandsprodukt deutlich unter Landesdurchschnitt.

 

Quo vadis Uri?

Während der Tunnelbauarbeiten profitierte der Kanton durch die Quellensteuereinnahmen der -zu Spitzenzeiten- 2500 Mitarbeiter. Doch diese Einnahmen sind passé. Durch die neue Eisenbahnführung verkehrt lediglich noch der Regio-Express-Zug auf der Passtrecke. Der zentrale Alpenraum wird vom öffentlichen Verkehr weiter abgeschnitten. Auf Höhe Andermatt investiert der Ägypter Samih Sawiris seit einigen Jahren in ein Luxus-Tourismusressort – mit mässigem Erfolg. Die Bewohner von Erstfeld, Standort des Nordportals, gucken buchstäblich in die Röhre. Zu Blütezeiten war hier ein Bahnknotenpunkt mit rund 600 Mitarbeitern, inzwischen sind es noch 20. „Wir könnten mit dem Anschluss an die neue Flachbahn als Wohnregion noch attraktiver werden“, prophezeit Tunnelführer Ruedi Sommer optimistisch. Im Kanton lebt es sich schweizweit am günstigsten, durch niedrige Steuern und moderarte Wohnungsbauprämien. Schon jetzt pendeln 80 Prozent der Erwerbstätigen; viele nach Luzern, eine Bahnstunde entfernt. Auch Zürich rückt mit der neuen Flachbahn so nah. Der A2-Anschluss gewährleistet auch eine nationale Autoanbindung.

 

Für manche Augenwischerei

Doch der Erstfelder Herbert Roseng, pensionierter Lokführer, sieht die Zukunft seiner Heimat wenig rosig. „Wir haben vom Gütertransport gelebt“, sagt er ein wenig melancholisch. Die Gotthardbahn prägte den Ort und seine Bewohner. Neben dem historischen Bahnhofsgebäude steht noch die Milchküche von 1918, heutzutage als SBB-Imbiss im Betrieb. Der Bahner zeigt auf die Sekundarschule an der Hauptverkehrsstrasse, erbaut im Auftrag der Gotthardbahn, wie auch die erste Turnhalle im Kanton. Hübsche klassizistische Wohn- und Depotbauten kamen hinzu. Und heutzutage entstand gerade mal ein schmuckloses Interventionszentrum für Rettungseinsätze. „Der Kanton entfernt sich von der Eisenbahn, aber wir haben nicht genug Arbeitsplätze als Ersatz bekommen“, meint der Pensionär.

 

Attraktiv als Wohn- und Urlaubsregion

Die Pendlerströme nach Norden nähmen zu und Erstfeld werde vom öffentlichen Verkehr schlechter bedient. Er schüttelt den Kopf angesichts der touristischen Idee, historische Züge über den Pass anzubieten. Die Instandsetzung eines Zuges koste etwa eine Million Franken. „Unser Vorteil ist, dass wir relativ günstigen Wohnraum haben und wer die Berge liebt...“, sagt er und blickt nach oben zum Bristen, dem Dreitausender Wahrzeichen Uris. Wir stehen inzwischen vor der Wallfahrtskapelle Jagdmatt im unteren Reusstal, ein Relikt Tessiner Baumeister aus dem 17. Jahrhundert. 400 Jahre zuvor begehrte Wilhelm Tell im Kanton gegen die habsburgische Herrschaft auf. So erzählt es die Legende des Nationalhelden und Freiheitskämpfers. Sein Denkmal prangt prominent am Marktplatz Altdorf, das Tell-Museum illustriert seinen Apfelschuss und die Tell-Spiele erinnern alle vier Jahre an diesen Heros. Die nächsten starten pünktlich in diesem August.

 

Das Tell-Denkmal in Altdorf

 

Günstige Bedingungen für Investoren

Also ist der Erholungswert mit den Bergen, dem See, und einem vielfältigen Kulturleben riesig. Eine sehr gute Work-Life-Balance bestätigt auch Emil Kälin, Sekretär der Volkswirtschaftsdirektion. „Wir ergänzen damit das Standortportfolio der Greater Zurich Area“, meint der Sekretär. Das Unternehmen betreibt Ansiedlungsförderung für Uri und weitere Kantone. Kälin meint, der künftige IC-Zugshalt an der zentralen Nord-Süd-Achse ziehe norditalienische Firmen mit Interesse an einem Schweizer Standort an. In Uri sind die Unternehmenssteuern sehr günstig, brach liegende Industrie- und Gewerbeflächen erschwinglich. „Ausserdem gibt es bei uns keine Clusterpotenziale für eine bestimmte Art von Wertschöpfung, dazu ist der Wirtschaftsraum Uri zu klein“, meint Kälin.

 

Nische in der Metallverarbeitung

Zu den wenigen internationalen Unternehmen zählt die Dätwyler Holding AG, Industriezulieferer von Werkstoffen in den Bereichen Gesundheit, Automobile und Bauwesen – und der grösste Arbeitgeber der Region. Eine Nische besetzen mittelständische Unternehmen aus der Metallverarbeitung. Im Nachbarkanton Schwyz mit einem künftigen IC-Bahnhalt in Arth-Goldau ebnet man schon seit einiger Zeit das Feld mit lombardischen Firmen aus der Gesundheitstechnologie. Auch die Kantone Zug und Zürich mit ihren Bahnhalten hoffen von der neuen, schnellen Bahnroute zu profitieren.Die Geschichte der Gotthardroute zeigt, dass es einen fundamentalen Zusammenhang zwischen Verkehr und Wirtschaftswachstum gibt. Doch für den Schweizer Wirtschaftshistoriker Hans-Ulrich Schiedt sieht keinen Automatismus. Für den Erfolg müssten viele Faktoren zusammen passen: Bahnhalte in den betroffenen Kantonen, die regionale Standortpolitik, und nicht zuletzt die gezielte Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene.

Der längste Eisenbahntunnel der Welt weckt hohe Erwartungen. Ob sie sich erfüllen werden, kann nur die Zeit offenbaren. Ab Mitte Dezember 2016 geht die Strecke für die Öffentlichkeit in Betrieb. Bis  dahin fährt die SBB weiter im Testbetrieb. Erste Tunnelfahrten für Eilige gabs zur feierlichen Eröffnung am 1. Juni schon.

 

Leicht veränderte Fassung des Erstabdrucks im Wiener Journal am 17.6.2016

 

Factbox:

1998 beschloss das Schweizer Stimmvolk den Bau des neuen Gotthard-Eisenbahntunnels als Teil der NEAT (Neuer Eisenbahn Alpentransversale), neben dem bereits in Betrieb stehenden Lötschbergtunnel. Ziel ist es, den Schwerlastverkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlegen, die Umwelt zu entlasten und die Fahrzeiten auf der Nord-Süd-Verkehrsachse zu verkürzen. Die Bauherrschaft liegt bei der Alptransit AG Luzern. Beim Ausbruch beförderte man 28 Mio. Tonnen Gestein zutage, was vollständig, teils in Renaturierungsmassnahmen, wieder verwertet wurde. Die neue Flachbahn wird 250km/h schnell fahren und die Fahrzeit Zürich-Mailand um etwas mehr als eine Stunde verkürzen. Ergänzt wird der Gotthard-Basistunnel 2019 um den 15,4 km langen Ceneri-Basistunnel zwischen Bellinzona und Lugano. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 12 Mrd. Franken.

 

Ausflug:

Mitten im Gotthard-Massiv bei Airolo liegt die Themenwelt „Sasso San Gottardo“. In einem ehemaligen Bunker sind verschiedene Ausstellungen zu sehen. Die grössten im Alpenraum gefundenen Bergkristalle sowie eine Mobilitätsausstellung zum Gotthard-Basisttunnel. Die Dunkelheit führt in eine bewegt Welt voller Geschwindigkeit und Präszision. Anfahrt mit dem PKW: von Norden über die A2 Abfahrt Göschenen, von Süden A2 Abfahrt Airolo. Die Strasse über den Pass liegt auf etwa 2000 M.üM. und ist von Mai bis Oktober befahrbar mit schöner Panoramasicht. Anfahrt mit dem Zug: südlich ab dem Bahnhof Airolo mit dem Postauto, nördlich vom Bahnhof Göschenen über die Schöllenenschlucht mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn

www.sasso-sangottardo.ch

 

Urner Seeschüttung

 

Urner Seeschüttung

28 Millionen Tonnen Kies und Gestein wurden bei den Ausbrucharbeiten zutage befördert. Im Rahmen einer Renaturierungsmassnahme landete ein Teil davon am Urner Sees, dem so genannten Reuss-Delta. Durch den permanenten Kiesabbau ging die Uferzone stetig zurück. Hier schüttete man 6 kleine Inseln auf. Drei davon als Badeinseln, drei weitere für den Artenschutz. Vom Bahnhof Flüelen aus führt ein halbstündiger Fussmarsch durchs Naturschutzgebiet zum Badebereich mit kleinen Brücken, Spielplatz, Grillstellen und einem Aussichtsturm.

Umwelt und Wissenschaft

Dramatischer Artenwandel

In allen Gipfelregionen der Gebirge Europas verändert sich die Vegetation oberhalb der Baumgrenze in geradezu rasendem Tempo.

Politik und Wirtschaft

Tunnel der Superlative

Anfangs Juni eröffnete die neue Gotthard-Eisenbahn. Europa rückt damit wieder ein Stück näher zusammen. Doch kurbelt das Jahrhundertbauwerk auch die Wirtschaft im Kanton Uri an?

Handwerk

Vom Käsen

Die Alpe Oberüberlut liegt auf 1585 Meter Höhe im grossen Walsertal. Sie ist eine kleine Ansammlung von Hütten, mit einer Alpsennerei und mit modernem Stall. Alpsenner Günter Nigsch mit Frau Margret und ein Mitarbeiter bewirtschaften die Alpe. 

Freizeit

Dirndl, die Dirndln verkaufen

In den niederösterreichischen Tälern um den letzten Alpenberg Ötscher gedeiht ein so stiller wie genussvoller Tourismus.

Im Oetscher-Reich: Blick auf den Oetscher (1893 m), Bild: Uoaei1

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