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Jenseits von Milchwirtschaft und Pferdezucht zeichnen sich für die Freiberger Bauern touristische Perspektiven ab.

Le Noirmont. Wälder, Wälder und nochmals Wälder. Ein landesweit rekordverdächtiger Nadelbaumbestand verhilft der bis auf fast 1200 Meter ansteigenden Hochebene der "Franches Montagnes" zum natürlichen, etwas finster wirkenden Wahrzeichen. Dazwischen erstrecken sich Weideflächen und Wiesen, durch Trockenmauern unterteilt. Auch Hochmoore und Torfflächen prägen vereinzelt die Landschaft. Hin und wieder fällt der Blick auf die typischen Einzelhöfe: Hinter den weissen Fassaden mit kleinen, abweisend wirkenden Fenstern verbergen sich Wohnung, Arbeitsräume und Ställe, gut geschützt durch ein tief hinuntergezogenes Giebeldach. Ackerbau spielt in dieser rauen Gegend im Südwesten des Kantons Jura nur eine Randrolle, denn dafür liegt sie zu hoch. Milchwirtschaft und die Zucht der Freiberger Pferderasse hingegen stehen dort traditionell hoch im Kurs. Seit acht Jahrhunderten wird dort der bekannte Tête de Moine hergestellt. Und das als sicher, nervenstark und umgänglich geltende Freiberger Pferd gilt heute nicht nur als regionales, sondern als nationales Kulturgut. Gut eineinhalb Stunden dauert die Fahrt mit der Bahn von Bern über Biel und Tavannes nach Le Noirmont, höchst gelegene Ortschaft der Franches Montagnes. Rund 1700 Einwohner zählt die Gemeinde, deren alt vertrautes Erscheinungsbild nur selten durch Neubauten beeinträchtigt wird. Hier ist die Kirche im Dorf geblieben.

Vor den bewaldeten Hügeln verlaufen Weiden und Wiesen fast bis an Le Noirmont heran, die wilde Natur der Freiberge scheint dort zum Greifen nahe. Die Stärken der abgelegenen Gegend ‚Äì ihre Stille und Weiträumigkeit und der dadurch hervorgerufene Eindruck völliger Freiheit ‚Äì kommen im nahe gelegenen Doubstal noch deutlicher zum Ausdruck. Einst vollständig von Fichten- und Tannenurwäldern überzogen, erhielt die Gegend ihren Namen während der Herrschaft der Basler Bischöfe. Im ausgehenden Mittelalter warben die Herren um Einwanderer, die das Gebiet roden und für die Landwirtschaft erschliessen sollten. Im Gegenzug winkte ihnen ein Freibrief, worin dem Siedler und seinen Nachkommen auf dem urbar gemachten Grund Zins- und Abgabenbefreiung für alle Zeiten garantiert wurde. Diese aussergewöhnlichen Privilegien hatten im Selbstbewusstsein der Francs Montagnards (Freiberger) stets eine tragende Rolle gespielt.

Für die Aussenwelt blieben die Einheimischen auch weiterhin ein - gelinde gesagt - merkwürdiger Menschenschlag. Sie galten als wild, wortkarg und distanziert. In Jeremias Gotthelfs "Bauernspiegel" redet ein Emmentaler von den "wüsten Leuten hinter den blauen Bergen". Und noch in den Jahren vor der jurassischen Kantonsgründung 1979 hatte Bern für die etwa 200 Quadratkilometer grosse und heute von etwa 10 000 Bewohnern besiedelte Gegend keine bessere Idee, als sie mit einem geplanten Waffenplatz zu beglücken. Der schnell aufgegebene Plan hatte damals nicht wenige Freiberger auf die Barrikaden getrieben. Dass ihre Heimat als Manövergelände herhalten sollte, hatte ihr Selbstwertgefühl zutiefst verletzt. Sie fühlten sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass die Aussenwelt von den übrigen Fähigkeiten der Freiberger keine Ahnung hatte.

Wie jedoch die Entwicklung zeigt, gab es dort neben der traditionellen Land- und Waldwirtschaft bereits seit dem 17. Jahrhundert erste Schritte zur frühen Industrialisierung. Damals entstanden entlang des Doubs Glashütten. Später gesellten sich die Metallverarbeitung sowie Textil- und Uhrenindustrie hinzu. Auch Le Noirmont verfügte über mehrere Uhrenfabriken. Ihre Belegschaften sorgten bis Ende der 1970er Jahre dafür, dass der Restaurant- und Hotelbesitzer Georges Wenger Tag für Tag mit einem gut besetzten Speisesaal rechnen konnte. Er machte seinen Umsatz mit preiswerten Tagesgerichten, die er im Hotel-Restaurant La Gare anbot. Als sich die Krise verschärfte, warf Wenger das Ruder herum. Er liess das Hotel erneuern, dann tastete er sich an eine neue gastronomische Formel heran. Wenger ging mit der Zeit und stellte die lokalen Produkte ins Zentrum seiner Gastronomie. "Wir leben in einer rauen Gegend, in der die Winterzeit manchmal von Oktober bis in den Mai hinein dauern kann", stellt Wenger fest. Pilze, Kräuter, Süsswasserfische und Käse bezeichnet Georges Wenger als den Reichtum der Franches Montagnes. Damit hat er eine eigenständige Cuisine entwickelt, die ihre regionalen Ursprünge nicht leugnet. Die ausserhalb so gut wie unbekannten Wurstwaren, überwiegend aus Schweinefleisch hergestellt, haben auf seiner Karte ihren festen Platz.

Dass es ein Leben nach der klassischen Uhrenproduktion gibt, hat man auch in anderen Teilen der Freiberge bewiesen. Die Stadt Saignelégier legte sich 1985 ein umfassendes Freizeitzentrum mit Schwimmbad, Sporthallen, Konferenzräumen, Golf, Eislaufstadion und Hotel zu. Auf diese Weise erhofften sich die Verantwortlichen mehr Besucher in einer Gegend, die zuvor kaum ernsthaft als Tourismusziel in Frage kam. Mehr und mehr Menschen verbringen seither Ferien in den Franches Montagnes, deren herber Charme auf viele Fremde einen eigentümlichen Reiz ausübt. Sie kommen nicht nur im Sommer, auch während der Winterzeit gelten die Freiberge mittlerweile als Destination. An diesen Verdienstmöglichkeiten wollen auch Landwirte teilhaben. Auf der Anbieterliste des Berner Vereins "Ferien auf dem Bauernhof" sind jurassische Landwirte derzeit noch schwach vertreten. Hingegen sind im Verband www.terroir-juraregion.de inzwischen über 150 jurassische Anbieter (Unterkunft, Restaurant, regionale Produkte und Freizeit) zusammengeschlossen. Das bestätigt, dass mehr und mehr Bauern nach zusätzlichem Verdienst Ausschau halten. Landluft macht frei: Nach diesem Motto bieten Jean-Bernard Cattin und seine Frau Myriam, die in Le Cerneux-Veusil Milchproduktion und Pferdezucht betreiben, stadtmüden Familien unter anderem Übernachtungen im Stroh an. Andere Landwirte organisieren mit ihren Freiberge-Gespannen Ausfahrten. Während sie im Sommer Kutschen bereitstellen, holt man bei Einbruch des Winters die Grossschlitten aus dem Stall. Im Gespräch mit Landwirten, die früher ihr Zusatzeinkommen in der Uhrenindustrie erzielten und heute Gästen touristische Dienstleistungen anbieten, wird deutlich, dass dieser Kurswechsel nicht allen behagt. "Wir müssen uns erst daran gewöhnen, der Fremdenverkehr war nie unsere Welt", meint ein Viehzüchter bei Le Noirmont. "Einen künstlichen Touristenzirkus will hier niemand, wir schätzen unsere Unabhängigkeit."

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