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Noch vor einem Jahrzehnt wurde Andermatt tot gesagt. Mit der Schweizer Militärreform verlor der Ort seinen wichtigsten Wirtschaftsfaktor. Der Ägypter Samih Sawiris haucht ihm als Luxusressort neues Leben ein. Doch die Rettung bleibt ungewiss.

Zufällig kommt kein Reisender ins Ursern Hochtal. Nebel und feiner Schneefall behindern die Sicht entlang der Reuss. Ein Tunnel noch, dann quert die Matterhorn-Gotthard-Bahn die Schöllenschlucht. Aus dem Abgrund ragt die sagenhafte Teufelsbrücke herauf. Lange war sie die einzige Möglichkeit das Hochtal von Norden her zu erreichen. Heutzutage können Autos durch den Tunnel herauf fahren.

Ein grosses Versprechen

Der Zug hält in Andermatt. Der Bahnhof wirkt an diesem Wintersamstag alles andere als abseits. Buntbekleidete Skifahrer und Snowboarder bevölkern die wenigen Sitzplätze vor dem in die Jahre gekommenen Bahnhofsrestaurant. Prominent gegenüber liegt der Grund für die Anziehungskraft des Ortes: "The Chedi", ein Hotelkomplex aus vier Gebäuden. Im Chalet-Stil erbaut und hübsch eingerahmt von verschneiten Tannen und meterhohen Schneehaufen wirkt es trotz seiner Grösse gut aufgehoben. Das 5-Stern-Superior ist das achte seiner Art, der in Asien beheimateten Kooperation, und es will das beste der Alpen sein. Mit diesem Anspruch trat der ägyptische Investor Samih Sawiris 2005 auf den Plan. Er wurde zum Rettungssymbol.. Entsprechend sehnte die Bevölkerung die Eröffnung des Hotels herbei. Es gilt als Aushängeschild für die 1,8 Milliarden Franken teure Touristenstadt. Unter dem Dach der eigens gegründeten Andermatt Swiss Alps sind im kommenden Jahrzehnt Hotels, Appartementhäuser und Villen geplant, ausserdem ein Sportzentrum, Kongresseinrichtungen, sowie ein 18 Loch-Golfplatz.

Das 5-Stern-Hotel "The Chedi" prägt das neue Antlitz des Bergdorfes, prominent am Bahnhofsvorplatz gelegen.

 

Kostspielige Hürden

Inzwischen wurden rund 400 Millionen Franken investiert, und die bisherige Bettenzahl auf 2000 verdoppelt. "Wir wollen auf insgesamt 5000 aufstocken", sagt die freundliche Dame im Sales Center gegenüber des Bahnhofs. Ziel ist es, eine Ganzjahresdestination für Reiche zu werden. Doch die haben noch wenig angebissen. Die Golfanlage ist fast fertig. Erst ein Appartementhaus und eine Villa stehen einsam auf der einst militärischen genutzten Fläche hinter dem Bahnhof. Mit 145 Hektar ist sie etwas grösser als das 1500-Seelen-Dorf selbst. Auch wer hier seinen Erstwohnsitz nimmt, erhält vergünstigte Tarife. "Ein tolles Projekt, aber für mich unerschwinglich", sagt die aus dem nahe gelegenen Altdorf angereiste Dame, beim Blick auf das Modell des Ressorts. Der reguläre Einstiegspreis pro Quadratmeter liegt bei 8500 Franken. Der Bund erlaubt ausnahmsweise auch Ausländern den Kauf, nachdem man sie ein halbes Jahrhundert vom einstigen Militärstandort fernhielt.

Wirtschaft angekurbelt

Obwohl der grosse Bauboom noch nicht ausgebrochen ist, gebaut werde erst, wenn die Hälfte der Wohnungen verkauft sei, gibt es einen ersten Aufschwung. Im Luxushotel wurden rund 200 neue Arbeitsplätze geschaffen, und Wohnungen für die Angestellten gebaut. Aber davon profitieren nicht immer die Einheimischen. Manche bedauerten, dass ausgerechnet Fremde einen Job bekämen und neue Wohnungen belegen, so Käthy Suligoi, die durchs Talmuseum Ursern führt. Doch insgesamt sei das Projekt ein Segen für das Tal. "Viele Familien mussten wegziehen, weil die Väter durch den Abzug des Militärs seit Ende der Achtziger Jahre kein Einkommen mehr hatten". Und Tourismus hat in Andermatt Tradition, wie die Ausstellung zeigt. Ende des 19. Jahrhundert erlebte der Ort gar eine Blüte durch internationale Gäste auf der Durchreise übern Gotthard. Doch die Ära von Grandhotel und Bellevue, einst prominent an der Gotthardstrasse gelegen, ist längst vergangen - ein ursprüngliches Bergdorf geblieben.

Traditionelle Häuser säumen die berühmte Gotthardstrasse in Andermatt. Das Gasthaus Ochsen gehört zu den alteingessenen.

 

Puzzlestück fehlt

Dessen Gäste sind international: Es tönt italienisch, englisch, amerikanisch, belgisch, und vor allem deutsch auf der berühmten Durchgangsstrasse. Familienväter ziehen die Schlitten mit ihren Kindern, Snowboarder mit geschultertem Brett balancieren auf den schneebedeckten Bürgersteigen. Von Pelzbemantelten keine Spur. Das Strassenbild prägen Sportgeschäfte, ein Supermarkt, Kiosk, und einfache Hotels für den kleineren Geldbeutel. Eins davon ist das 2-Stern "Badus". Für die Chefin Christine Danioth hat sich mit dem "Chedi" in der Nachbarschaft wenig verändert. Die Übernachtungszahlen sind nicht spürbar angestiegen und international waren ihre Gäste auch zuvor. Der Ort jedoch sei seither lebendiger, meint Danioth verhalten. Nach grosser Freude klingt das nicht. "Ich weiss nicht, wie das zusammen gehen soll: Ein Bauerndorf mit einfachen Übernachtungsmöglichkeiten und eine Ferienstadt für Superreiche", sagt ein Andermatter am Abend in der Bar "Di alt Apothek". Als Kind wanderte er mit seinen Eltern in die USA aus und winters kommt er zum Freeriden hierher. Angebot und Nachfrage könnten sich nicht decken.

Ideen gibts zuhauf

Der einheimische Barkeeper hingegen sieht das Problem woanders. Es seien viele Dilettanten in der Führungsebene am Werk, wisse er aus erster Hand, abends darauf angesprochen. Wer früher Autos verkauft habe und bei Lidl in leitender Stellung war, solle jetzt ein Touristenressort aufziehen. Mehr will er nicht sagen. Zweifel über das Projektmanagement gibt es auch andernorts. Bänz Simmen, Besitzer des Kiosk 61, schenkt am nächsten Morgen genauso leidenschaftlich Kaffee aus, wie er über die Geschicke Andermatts räsoniert. Er wundert sich, dass der von ihm geschätzte Gerhard Niesslein, als Geschäftsführer von Orascom, Sawiris Hotelgruppe, im Januar seinen Hut nahm. Simmen, in der Nachbargemeinde Realp geboren und auch als Touristenführer tätig, hat eine klare Vorstellung zur Zukunft von Andermatt: Authentisch bleiben. "Auch ein Ausflug vom sommerlich warmen Dorf in die zehn Grad kalte Schöllenen kann eine Gänsehaut zaubern." Um die natürlichen Schätze der Region zu vermitteln, brauche es geschultes Personal, allem voran im Flaggschiff "Chedi". Die im zu Ohren gekommene Unkenntnis des Conciergen über die Bergwelt vor der Haustüre schürt auch seine Skepsis.

In guter Tradition

Doch der Touristenführer steht Sawiris Projekt aufgeschlossen gegenüber. "Wovon man nichts verstand, das hat man sich früher schon von Aussen geholt", kommentiert er. Das gelte für die Schweiz wie auch für die Region. Im 18. Jahrhundert wurden italienische Baumeister im Tausch gegen Bürgerrechte ins Tal angelockt. Sie schufen sehenswerte Kapellen und Kirchen auch in der Nachbargemeinde Hospental. Säumerei der Walser, Gastgewerbe und Kristallhandel hielten seit dem Mittelalter viel Geld im Tal. International gings dabei immer schon zu und her. Nur mancher höre das nicht so gern. "Die Schweizer haben ein verklärtes Selbtsbild wie man am Mythos Gotthard sieht". Das einzigartige Gebirgsmassiv, an dem sich die Wege aus allen vier Himmelsrichtungen treffen, hat schon früh das geistige Bild vom Herz Europas geprägt. Auch ohne den Mythos gibt es am Quellgebiet von Rhein, Rhone, Reuss und Ticino genug Attraktionen.

Ruhe für Reiche

40 Bergseen warten auf Besucher. Für die Rad- und Wanderwege steht ein umfassendes Face-Lifting an. Lediglich drei neue Liftanlagen sollen die veralteten Skigebiete verbinden. Zuerst war grösseres geplant, aber die ökologischen Auflagen lassen das nicht zu. Man wolle kein St Moritz, Davos, Ischgl oder Kitzbühel werden, sondern eine Destination für Erholungssuchende bleiben, sagt Miriam Schuler vom Andermatt Urserntal Tourismus beim Spaziergang durch das Dorf am Nachmittag. Auch die Besiedlungsgrenzen sind festgelegt. Schuler versteht, dass manche Einwohner enttäuscht sind, weil nicht alles nach Plan verläuft. Unlängst wurde der geplante Bau des Sportzentrums für die Gemeinde um weitere 5 Jahre verschoben. Das Tal stehe inmitten eines grossen, strukturellen Umbruchs und dieser brauche Zeit, so Schulers Erklärung. Das zugkräftige Angebot: Die umliegende Ruhe als kostbares Gut für die potentiellen Gäste.

Mit leisem Luxus ...

Auch "The Chedi", was im Thailändischen soviel wie Tempel bedeutet, will Ruheoase sein. Das authentische Flair der Umgebung sollen die Angestellten vermitteln. "40 Prozent unserer Mitarbeiter sind Schweizer", so Sven Flory, Sales Manager. Nachhilfe in Sachen Landeskunde erhalten sie durch entsprechende Schulungen. In der Lobby tauchen vereinzelt neugierige Besucher auf und blicken sich staunend um. Um das grosse Interesse von Bewohnern der Umgebung in Bahnen zu lenken, gibt‚Äôs mittlerweile Schnupperangebote, so Flory. Die Ruhe will gewahrt werden. Kein Hall, Kein Geklapper, nur leise Musik klingt in der viereinhalb Meter hohen Lobby. In runden Glaskaminen flackern Holzscheite, ringsum Polstergruppen, Eichenholz und Stein an den Wänden, warmes Licht. Aufmerksame Diener unterstützen die behagliche Atmosphäre lautlos. Königlicher Komfort überrascht in der Suite Superior Deluxe. Via ipad kann man vom ausladenden Bett aus so ziemlich alles im Raum bedienen: Radio, Fernsehen, das Gascheminee, die Lichter, Jalousien und auch die Raumtemperatur. Nur die lässt sich nicht unter 19 Grad senken, wie der Gast in der Nacht schwitzend erkennen muss. An einer Lösung werde bereits gearbeitet, heisst es am andern Morgen an der Rezeption entschuldigend.

... und Zwischentönen

Eine erholsame Massage im hauseigenen Spa macht die nächtliche Strapaze wieder wett. Mit Trockenfrüchten und einem Glas Wasser geht‚Äôs langsam zurück in diese Welt. Gegenüber auf der Wartebank sitzt eine Kölnerin und erzählt, welche Luxushotels sie kennt. Auf der Terrasse vom Dolder in Zürich lasse es sich herrlich speisen, meint sie. Im "Chedi" zwar auch, aber in Andermatt sei leider nichts geboten. "Ich hörte im Fernsehen, dass die Einheimischen gegenüber dem Projekt gespalten sind", schaltet sich ihr Gatte ein. "Sie werden doch dadurch immerhin mehr verdienen als beim Schweine füttern ", kontert die Kölnerin. Ob sie den Ochsen, die Dorfbeiz mit ihrem dunkler Täfer und den historischen Fotos schätzen würde, bezweifelt die Besucherin beim abendlichen Chäsfondue. Andermatt bleibt wohl noch längere Zeit ein Entwicklungsprojekt‚ doch neuerdings mit riesiger Bandbreite.

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