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Die Berner Oberländer Gemeinde Habkern liegt zu mehr als 85 Prozent in einer Moorlandschaft von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung. Eine Naturperle ist die auch touristisch attraktive Lombachalp. Mit einem Informations- und Lenkungskonzept soll die Grundlage für die Koexistenz von Natur und Tourismus gelegt werden (2010).

Wie oft er schon den Bergwerg auf das Augstmatthorn begangen hat, Paul Ingold weiss es nicht genau. Drei Jahrzehnte hat der seit drei Jahren pensionierte Zoologe zusammen mit seinen Studenten die Fauna in dieser Gegend erforscht. Ingold zeigt auf einen grossen Felsblock im gegenüberliegenden Steilhang des Suggiture (2085 m ü.M.). “Eine Gämse hat es sich auf dem Stein gemütlich gemacht, nebenan äsen zwei weitere". Nur wenige Dutzend Meter weiter oben verläuft der Wanderweg, der in einer weiten Kehre zum Gipfel des Augstmatthorns (2137 m) führt, einem der schönsten Aussichtspunkte der Berner Oberländer Voralpen. Der Weg wird oft begangen, auch heute morgen sind Wanderer unterwegs. Die Gämsen lassen sich nicht weiter stören. “Sie sind erstaunlich nah am Weg. Aber es ist dort sehr unübersichtlich, und es kann sein, dass sie die Wanderer gar nicht sehen können", kommentiert Ingold. Es sind drei Böcke. Gämsen leben bis auf die Brunftzeit in nach Geschlechtern getrennten Rudeln. Etwa drei Dutzend Männchen verbringen den Sommer in diesem steilen Hang, in der Alpzeit teilen sich Rindvieh und Gämsen die Weiden - ohne sich dabei zu vermischen. Die Gämsgeissen leben mit ihren Kitzen einige hundert Meter südöstlich im steilen, felsigen Gelände des Emmengrabenhanges unterhalb des Augstmatthorngipfels. Die Geissen brauchen viel Mineralstoffe, und diese finden sie an den Stellen, wo Wasser aus dem Fels austritt.

 

Steinböcke am Augstmatthorn (Bild: www.lombachalp.ch)

Abwechslungsreich und naturnah

Auch Steinwild, Rothirsch, Reh, Schneehase und Murmeltier sind auf der Lombachalp, in der Region vom Augstmatthorn bis zum Hohgant vertreten, dazu kommen aus der Vogelwelt unter anderem Schnee-, Auer- und Birkhuhn. Die seit 1990 durchgeführten Birkhuhn-Zählungen ergaben ein Maximum von 58 balzenden Birkhähnen Anfang der 1990er-Jahre. Danach ging die Zahl stark zurück, seit einigen Jahren steigt sie langsam wieder an. 2006 waren es 37 Hähne. “Der Bestand ist natürlichen Schwankungen unterworfen. Angesichts der Zunahme des Freizeitbetriebs fragt sich, auf welchem Niveau sie künftig erfolgen werden", sagt Paul Ingold. Vom Aufstiegsweg zum Augstmatthorn eröffnet sich ein prächtiger Panoramablick auf die Lombachalp. Weideflächen im Talgrund, halboffene Waldflächen an den flachen Hängen, dahinter die Bergketten des Hohgant und der Sieben Hengste, eine abwechslungsreiche, naturnahe Kulturlandschaft. "Das Mosaik von offenen Gebieten und Wald macht diese Landschaft so wertvoll", meint Paul Ingold. Das gilt etwa für die in den tiefer gelegenen Waldlagen (1500 - 1600 m ü.M) versteckten Hochmoore als Naturelemente oder für die Flachmoore an den nördlichen Hängen. Sie sind durch die seit dem Hochmittelalter andauernde alpwirtschaftliche Nutzung des Gebietes entstanden. Das schafft ein ungemein reizvolles Puzzle an Landschafts-Elementen, wie sie auch im alpinen Raum selten geworden sind. Die Lombachalp geniesst als Teil der Moorlandschaft Habkern/Sörenberg einen besonderen Schutz. Im Zuge der Landschaftsplanung Mitte der 1990er-Jahre wurde der Perimeter definitiv festgelegt. Zum Schutz der Flachmoore hat das Naturschutzinspektorat des Kantons Bern mit den Alpgenossenschaften Bewirtschaftungsverträge abgeschlossen. Die trittempfindlichen Hochmoore wurden kürzlich unter Naturschutz mit Betretungsverbot gestellt.

Tourismus in Bahnen lenken

Auf der Lombachalp finden sich seit etwa einem Jahrzehnt immer mehr Gäste ein, seit der Winteröffnung des schmalen Zufahrtssträsschens vor einigen Jahren auch in der kalten Jahreszeit. Stand und steht im Sommer und Herbst das Wandern und Pilze sammeln im Vordergrund, so haben im Winter immer mehr Trendsportlerinnen und -sportler die weitab von den grossen Skigebieten gelegene Lombachalp zu ihrem Eldorado erkoren. Dazu zählen nebst Langläufern, welche die auf der Strasse angelegte Loipe benützen, auch Winterwanderer, Skitourenfahrer, Snowboarderinnen und Schneeschuhwanderer. An Spitzentagen werden sommers und winters bis zu 500 Besucher auf der Lombachalp gezählt, eine kleine Gastwirtschaft sorgt für das leibliche Wohl, auch Alpkäse ist erhältlich. Dass sie sich in einer mit Naturräumen durchsetzten und von vielen Wildtieren bevölkerten Kulturlandschaft bewegen, dürfte nur den wenigsten Besuchern bewusst sein. Während Langläufer und Wanderinnen sich an die Loipe und das Wegnetz halten, bewegen sich vor allem die Schneeschuhwanderer gerne im freien Gelände, dort, wo es noch keine Spuren hat. Tourenskifahrer und Snowboarder befahren vom Gipfel des Augstmatthorns aus am liebsten die steilsten Rinnen, ausgerechnet dort, wo sich bevorzugt die Schneehühner aufhalten. So sind Störungen der Wildtiere zur Regel geworden, im Sommer, und, noch stärker, im Winter. Nach Einsprachen von Pro Natura Berner Oberland und Berner ALA (Bernische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz) gegen die erste Fassung der Landschaftsplanung wurde in einer mit allen Interessensvertretern zusammen gesetzen Arbeitsgruppe unter anderem das Schutzkonzept für die Lombachalp ergänzt. Für die Realisierung des Schutzkonzepts gründete der Gemeinderat von Habkern die Kommission “Lombachalp", der als Vertreter des Naturschutzes Paul Ingold angehört. Es habe anfänglich gegolten, manches Vorurteil abzubauen, erinnert er sich. Das Misstrauen sei spürbar gewesen. Doch dann sei die Atmosphäre zunehmend konstruktiv geworden. “Es war klar, dass wir nach Kompromissen suchen mussten". Die Gemeinde Habkern mit ihren 650 Einwohnern liegt trotz ihrer Nähe zu Interlaken abseits der grossen Touristenströme, sie zählt zu den steuerschwächsten Kommunen im Kanton Bern, und die nach wie vor grosse Dominanz der Landwirtschaft ruft nach ergänzenden Erwerbsmöglichkeiten wie dem Tourismus. Anderseits galt es, gerade auf der Lombachalp, den Vorgaben der Verfassung gerecht zu werden, die einen umfassenden Moorschutz verlangt. Im Ergebnis mussten alle Parteien Federn lassen. Paul Ingold hätte es etwa gerne gesehen, wenn die Strasse ins Kerngebiet der Lombachalp gesperrt worden wäre. Stattdessen soll jetzt eine zusätzliche Parkgebühr verlangt werden, um die Automobilisten zu motivieren, ihr Auto vorher abzustellen. Dafür, und darüber ist Ingold froh, werden insbesondere Schneeschuhläufer und Skitourengeherinnen künftig ausgeschilderte Korridore benutzen müssen. Mit dieser Lösung können auch die Gemeindebehörden gut leben, wie Gemeindeschreiber Frank Siegenthaler betont. “Wir sind uns bewusst, wie wertvoll die Lombachalp ist. Wir müssen sie erhalten, ohne zu vergessen, dass nur dank jahrhundertelanger extensiver Bewirtschaftung diese Perle entstanden ist." Anderseits gelte es, auch den Bedürfnissen von Einheimischen und Gästen Rechnung zu tragen, für die die Lombachalp ein Erholungsraum sei. Es sind indes vor allem Tagesgäste, die die siebenfränkige Parkgebühr bezahlen, um auf die Lombachalp zu fahren. Allzuviel Geld lassen sie ansonsten nicht liegen, aber, so die Hoffnung jedes Touristikers, wer einmal Gefallen gefunden hat, wird wieder kommen - und dann vielleicht auch eines der wenigen Hotelbetten in Habkern benutzen oder gar eine Ferienwohnung mieten. In der Bevölkerung sei, nach anfänglicher Skepsis, das “Informations- und Lenkungskonzept" gut aufgenommen worden, sagt Gemeindepräsident Walter Zurbuchen. Das liege sicher auch daran, dass die Initiative von der Gemeinde ausgegangen sei. Und die Mitglieder der vier Alpgenossenschaften atmen gar auf, denn die Querfeldein-Wanderer, wilden Parkierer und Pilzsammler waren auch den Sennen zur Last geworden. Rund 600 Stück Vieh werden auf der Lombachalp gesömmert, der überwiegende Teil der Tiere stammt aus der engeren Region. Die Praxisprobe hat das Informations- und Lenkungskonzept indes noch vor sich. Die Kommission ist gegenwärtig daran, das Konzept, in Zusammenarbeit mit zwei Planungsbüros, zu realisieren. Wenn es sich bewährt, könnte es zum Modellfall für andere Regionen werden.

 

Das Informations- und Lenkungskonzept Lombachalp:

Ziel: Besucherinnen und Besucher so lenken, dass die Naturwerte erhalten bleiben.

Die wichtigsten Punkte:

- Wildruhegebiete mit Weg- und Routengebot vom 15. 12. bis 07. 08., in einem Gebiet vom 15. 12. bis Ostern.

- Informationszentrum an der Haupteingangspforte
- Markierte Beobachtungspunkte entlang der Wanderwege
- Verminderung der Fahrten ins Gebiet durch zusätzliche Parkgebühren
- Zusätzliche Parkplätze beim geplanten Informationszentrum
- Aufsichtsperson für Führungen, Kontrollen usw. (80 Prozent-Stelle)
- Erfolgskontrollen

Ein empfehlenswerter Flyer mit den wichtigsten Informationen für Sommer und Winter kann auf der Webseite www.lombachalp.ch heruntergeladen werden.

 

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