Wasserkraft

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Man nennt ihn den König der Alpenflüsse. Trotzdem ist der Tagliamento, der dem Friaul ein unvergleichliches Aussehen gibt, hierzulande weitgehend unbekannt. Dabei hält er so manche Überraschung bereit.

 


Dodo scheint nicht normal zu sein. Sonst würde der Gänsegeier erkennen, dass es für ihn kaum einen ursprünglicheren Lebensraum geben könnte als hier am Tagliamento, den viele Besucher und Wissenschaftler den König der Alpenflüsse nennen. Majestätisch ist der Fluss tatsächlich. Kein Gewässer nimmt für sich soviel Platz in Anspruch wie er. Man sieht sein weisses, bis vier Kilometer breite Band durch das Friaul sogar auf den Satellitenbildern Europas. Es ist der Kalk, der das Wasser des Tagliamento blau, fast karibisch scheinen lässt; selbst dann noch, wenn schwere Wolken grau und tief hängen. Der amerikanische Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway war hier 1917 als Sanitäter an der Front und schrieb darüber den Roman „A farewell to Arms“ der auf Deutsch unter dem Titel „In einem anderen Land“ erschien und mehrmals verfilmt wurde. Fast ungehindert und ohne die gewohnten Dämme mäandert und schlängelt sich der Tagliamento dem Meer entgegen. Hemingway schreibt: Im Flussbett lagen Kieselsteine und Geröll trocken und weiss in der Sonne, und in den Stromrinnen war das Wasser klar und reissend und blau.
Manchmal formt das Wasser aus dem Schotter eine Bank, dann wieder lädt es im seichten Wasser einen Baumstrunk ab. Auf vielen der Hunderten von Inseln gedeihen Büsche. Doch kaum eine Insel existiert länger als zehn Jahre. Dann hat der Fluss sie wieder aufgelöst, und ihre Bestandteile bilden anderswo eine neue Bank, die zu einer Insel wächst. Das mineralstoffreiche Wasser wirbelt, schiebt und mäandert auf seinem Weg ins Meer. Der Fluss verändert und verwandelt sich in einer dauerhaften Metamorphose. Oder wie Hemingway schrieb:

"Der Wasserstand war niedrig, und es gab Sand und Steinstrecken, die von einer schmalen Wasserrinne durchzogen waren, und manchmal breitete sich das Wasser wie ein Schimmer über das Kiesbett. In der Nähe des Ufers sah ich tiefe Stellen mit Wasser so blau wie der Himmel."

Versinken und wieder auftauchen: Der Lebensrhythmus des Königs der Alpenflüsse.

Der Tagliamento entspringt in den Dolomiten und fliesst zu erst in östlicher Richtung. Er zwängt sich durch das enge Tal, um dann als unheimlich mächtiger Strom in die Weite der mediterrane Ebene vorzustossen. Die Alpen präsentieren sich am Oberlauf steil und unnahbar, um dann fast urplötzlich aufzuhören und zur sanften Hügellandschaft zu werden. Nach 170 Kilometern mündet der Tagliamento zwischen Venedig und Triest ins Meer.

Bei einem Wassertropfen, der in den Dolomiten seinen Weg zum Fluss findet, ist es nicht sicher, ob er den direkten Weg zum Meer findet. Etwa 40 Kilometer vor der Meeresmündung versickert ein Teil des Stromes im Schotter. 10 Kilometer vor der Küste bei Latisana zwingt ein breiter Tongürtel im Untergrund das Wasser, wieder aufzusteigen. Das passiert aber nicht im Flussbett, sondern in Dutzenden von kleinen Quellen und Wasserlöchern, die auf ebenso viele Quadratkilometer verstreut sind.
Der interessanteste Abschnitt befindet sich zwischen Venzone und Spilimbergo im mittleren Teil des Tagliamento , wo der Fluss auf 30 Kilometern Länge einen gewaltigen Korridor von 150 Quadratkilometern Grösse mit vielen intakten Auen bildet. Vor 100 Jahren trug der Tagliamento noch mehr Geschiebe mit sich. Doch damals waren die Berge auch kahl und das Holz ein begehrter Rohstoff zum Heizen. Heute verhindern die Baumwurzeln der bewaldeten Region stärkere Erosion.

 

Mit dem Ochsenkarren über den Fluss

 

Der Tagliamento ist eine Herausforderung für jene, die mit ihm leben. Früher überquerten ihn die Menschen zu Fuss an besonders breiten Stellen, wo das Wasser seicht ist. Im Winter trieben sie die Ochsen durch die Furt und setzten sich auf einen Wagen. Heute gibt es Brücken und Autos. „Seit die Menschen am Fluss kein Feuerholz mehr sammeln, keine Steine mehr für ihren Häuserbau holen und nicht mehr fischen, haben sie sich innerlich von Tagliamento entfernt. Die fast intime Beziehung, die früher die Friauler mit dem Fluss verband, ist der Gleichgültigkeit gewichen.“ Sara Berra bedauert dies. Sie leitet das Naturschutzzentrum sowie den 500 Hektare grossen Naturpark beim Lago di Cornino, einem kleinen Weiher wenige Meter abseits des Tagliamento. Der See ist für seine spektakuläre Farbe berühmt, die er den Blau- und Grünalgen zu verdanken hat. Selbst bei bedecktem Wetter leuchtet das Wasser noch jadefarben. Sara Berra informiert Besucher über die abwechslungsreiche Rundwanderung, die ab hier gemacht werden kann und zeigt ihnen die Aufzuchtstation für den Gänsegeier, Habichtkauz und Uhu. Letzterer ist das Symboltier des kleinen Naturparks. Die Freisetzung der Geier begann schon vor 30 Jahren. Dodo war einer der ersten, der seine Flügel hoch über die benachbarten Dolomiten schwingen durfte. Er hätte die Freiheit geniessen können wie die Falken, die Königsadler und zahlreichen Habichte, die es hier gibt. Doch Dodo ist von den bald 100 frei gelassenen Geiern der einzige, der dies nicht zu schätzen wusste. „Er hält sich für einen Menschen. Deshalb ist er immer wieder hierher zurückgekommen und hat unsere Nähe gesucht“, vermutet Sara Berra und lacht. Nun hat er eine neue Voliere bekommen und geniesst Bleiberecht. Das kann lange dauern, denn ein Gänsegeier kann bis zu 70 Jahre alt werden. Dodo ist noch nicht einmal halb so alt.

 

Im Flussbett bis 50 Grad heiss

 

Wer von der Station aus den Lago di Cornino umwandert und die Strasse überquert, gelangt nach einer Viertelstunde an das Ufer des Tagliamento. Es lohnt sich, bei niederem Wasserstand weit hinaus zu gehen. Fast kommt man sich inmitten der Steine- und Schotterwüste ein wenig einsam vor. Im Sommer können sich die Steine bis auf 50 Grad aufheizen. Das machen sich Brutvögel zunutze, die ihre Eier zwischen die warmen Steine legen. Das erspart ihnen das aufwendige Brüten. Die Steine changieren in allen Erdfarben und Grautönen. Sie bildeten den Rohstoff für die grossartigen Mosaike, für die die Römerstadt Aquileia unweit der Mündung des Tagliamento berühmt war. Später bedienten sich die Venezianer der Mosaikkunst der Friauler, welche die Steine aus dem Tagliamento mitbrachten (siehe Box). Die Steine, das Schwemmholz, die Vögel und die trotzigen Pionierpflanzen, die an trockenen Stellen aus Erdrissen spriessen, laden zum Schlendern ein. Und so gleicht manche Spur der Besucher dem Schlängeln der zahlreichen Flussarme, die wie Adern auseinandergehen, bevor sie wieder zueinander finden, nur um sich erneut zu teilen. Von Pflanzen und Tieren, die hier leben, verlangt der Fluss eine hohe Anpassungsfähigkeit ab. Überschwemmungen und Trockenheit, Hitze und Kälte, aber auch Stürme müssen sie praktisch ungeschützt über sich ergehen lassen. Der Rückweg führt parallel zum Ufer auf eine Anhöhe, wo ein Aussichtspunkt einen Überblick ermöglicht über das Flussbeet und die vielen Inseln ermöglicht.

Traumatisches 1976

Auf der gegenüberliegenden Seite liegen einige Kilometer nördlich die Gemeinden Osoppo, Gemona und Venzone. Sie bildeten am 6. Mai 1976 das Epizentrum eines schrecklichen Erdbebens, das fast 1`000 Menschen das Leben kostete und 100’000 obdachlos machte. Auf der Richterskala wies es eine Stärke von 6,5 auf. Die internationale Solidarität war gross, und es blühte ein Sommer der Hoffnung. Dann kam die Zeit zwischen dem 11. und dem 15. September mit mehreren neuen Erdstössen, von der der damalige Erzbischof von Udine, Alfredo Battisti, sagte: „Das Erdbeben vom 6. Mai hat das Friaul zerstört; das Erdbeben im September hat die Friauler zerstört.“ Eines der neuen Beben wies erneut eine Stärke von über 6 auf der Richterskala auf. Die Einwohner waren demoralisiert und flohen zu Tausenden. Doch der Wiederaufbau gelang. Venzone sieht man nichts mehr an. Die Altstadt ist restauriert und lädt zum Flanieren ein. Die interessante Ausstellung „Tiere Motus“ im Palazzo Orgnani Martina in Venzone erinnert an den Sommer vor bald 35 Jahren. Das Erdbeben war nicht das einzige dramatische Ereignis in der jüngeren Geschichte des Tagliamento. Sehr alte Menschen können sich noch heute an die erbitterten Kämpfe im ersten Weltkrieg erinnern, wo der Tagliamento die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien bildete. 1917 fand hier einer der kriegsentscheidenden Schlachten statt. Noch heute sieht man in jedem als Unterstand brauchbaren Fels ein Loch, aus dem damals scharf geschossen wurde.

 

Als Offroad-Rennpiste missbraucht

 

Heute ist es am Tagliamento ruhiger geworden. Neben den wenigen Touristen interessieren sich vor allem Wissenschaftler für den Fluss. Hydrologen kommen sogar aus Japan hierher, um aus erster Hand zu studieren, wie sich ein Gewässer ohne Fesseln verhält. Denn Renaturierungen von Flüssen sind nicht nur in der Schweiz ein Thema. Wegen seiner Bedeutung möchte die Provinzregierung das Gebiet gerne zum Biosphärenreservat der Unesco erheben. Doch genau das findet die Umweltwissenschaftlerin Danusia Pioversana ziemlich verfrüht. „Die Regierung plant drei grosse Rückhaltebecken, um den Unterlauf, dort, wo das Wasser nach dem Versickern wieder ans Tageslicht tritt, vor Überschwemmungen zu schützen. Der schwerste Eingriff ist im mittleren Teil geplant, wo der Tagliamento ökologisch besonders wertvoll ist. Ausserdem bestehen in fast jedem Seitental mit Zuflüssen Ausbaupläne, um das Wasser als Energieträger zu nutzen.“ Ein weiteres Problem sieht Pioversana im Verhalten der Gemeinden am Oberlauf. Sie betonieren die Flussbette der Zuflüsse, damit das Wasser schnell abläuft. Das verschärft unten die Überschwemmungsprobleme. Sie fordert ein Management, welches das ganze Gebiet des Tagliamento mit einbezieht. Damit könnte man dann vielleicht auch wirksamer gegen die illegale Nutzung des Flussbetts als Offroad-Rennpiste vorgehen, die vor allem bei Österreichern beliebt ist.

Ein Fluss als Offroader-Paradies für Egomanen. 

Die WWF-Mitarbeiterin ist dennoch optimistisch. „Das Gebiet hat ein grosses touristisches Entwicklungspotenzial. Wenn das die Menschen einsehen, tragen sie der Landschaft Sorge.“ Bei den Jungen hat sie bereits eine Veränderung festgestellt. „Dass Wissenschaftler aus der ganzen Welt herkommen, um diesen Fluss zu studieren, macht sie stolz. Sie merken: Der Tagliamento ist etwas ganz Besonderes.“

Erdbebenmuseum, Palazzo Orgnani Martina, Venzone: www.tieremotus.it

 

Die Farbenkünstler am Fluss

Eine Tradition seit der Zeit des grossen Roms: Mosikkunst im Friaul.
Die bekannte Mosaikschule von Spilimbergo setzt die jahrtausendealte Tradition der Mosaikkunst im Friaul fort. 92 Studenten aus 23 Ländern lernen hier die Kunst, mit Steinen Gemälde zu legen. Von Anfang an spielt der Tagliamento eine wichtige Rolle. Hier muss jeder Student und jede Studentin ein bis zweimal jährlich etwa 10 Kilogramm geeignete Steine in allen Farben suchen. Sie werden am Ufer grob in eine nützliche Grösse gehauen. Der Tag endet meist mit einem Fest am Flussufer. Im ersten Jahr lernen die Schüler griechisch-römische Mosaike nachzubilden. Danach folgt im zweiten Jahr die Kunst der Byzantiner.

Mosaikarbeiten verlangen eine grosse Konzentration. 

Im dritten Jahr werden die Arbeiten freier. Es werden auch andere Materialien verwendet, und es entstehen grossflächige Mosaike in der Gruppenarbeit. Die Werke aus Spilimbergo sind weltweit zu sehen. Hier entstand auch das Mosaik „irrisierender Blitz“, das heute die U-Bahn-Station „Ground Zero“ ziert.

www.scuolamosaicistifriuli.it

 

 

 

 

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Dramatischer Artenwandel

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