Literatur 2016

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Ein im Tyrolia-Verlag Innsbruck-Wien erschienenes Buch stellt Leben und Werk des für Tirol bedeutsamen Künstlers Ludwig Penz vor, der sich in besonderer Weise mit der alpinen Natur verbunden fühlte. Helmuth Oehler hat die in diesem Band enthaltenen informativen, aber auch sehr berührenden Texte gelesen, die exzellenten Fotografien der Werke von Ludwig Penz betrachtet und dabei Bedeutendes, Einmaliges erlebt, aber auch in die Einsamkeit des Ludwig Penz geblickt. Erkenntnis: Ein Buch für alle Liebhaber der Natur, der Menschen und der Kunst Tirols.

 

Tiroler Zeichner & Bildhauer: Ludwig Penz: „Die hellen und die dunklen Stellen in seinen Figuren treffen […] hart aufeinander. […] In der Zeichnung war das anders. Der Bleistift kräuselte sich auf dem Blatt. Die Linien verschmolzen wie von selbst auf verschiedenen Ebenen, die vom Licht durchflutet wurden.“ (Rudi Wach 2011). – Der Umschlag des Bandes zeigt: Ludwig Penz, Kopfstudie (Toni Kaim), um 1907, Bleistift, Blatt aus dem Skizzenbuch P 121, Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. – Foto: Tyrolia-Verlag, Innsbruck.

 

Der Wegbereiter der Tiroler Bildhauerei der Moderne, Ludwig Penz, war oft sehr allein, notiert Rudi Wach, 1934 in Hall in Tirol geborener Bildhauer, im Buch „Ludwig Penz. Die Suche nach der Bildhauerei. Zeichnungen und Skulpturen“, das hier vorgestellt wird. Und weiter: „Sein Alleinsein ist überall zu spüren.“ Wenn Ludwig Penz allerdings zeichnete, formte, schnitzte – vertiefte er sich derart in die Beobachtung von Menschen und Tieren seiner Umgebung, dass er nicht mehr der Einsame war.

 

42 Lebensjahre. Geboren 1876 in Luimes/Telfes im Tiroler Stubaital als Sohn eines Bauern, starb Ludwig Penz bereits 1918 mit nur 42 Jahren in Schwaz in Tirol. Dazwischen lag kein einfaches Leben: Nach einer Lehre in Schwaz in der Werkstatt für sakrale Kunst der Brüder Kobald war Penz kurz in Wien, dann an der Akademie in München, besuchte Italien, um sich anschließend in Schwaz niederzulassen. Dort führte er ein wirtschaftlich bedrückendes, persönlich wohl auch nicht erfülltes Dasein: „In […] Schwaz lebt er in dem Häuschen am Gerichtsweg, zurückgezogen, nicht in, sondern bei der Welt. Von Jugend auf betreut von ein paar alten Weiblein“ (Alexander Heilmeyer 1925). Und Penz notierte selbst: „Sei nichts als eine Blume, die Licht trinkt, und ein Reh an der Quelle, dann sind dir alle Tiere freund, die Menschen aber fliehe …“

 

Tiroler Herzblut: 1876.1918.1925.2010.2015. Vor 90 Jahren, 1925 erschien im Verlag Albert Langen, München, die von Alexander Heilmeyer (1872–1940) verfasste Biographie „Ludwig Penz. Ein Tiroler Bildhauer.“ Heilmeyer studierte an der Münchner Akademie Bildhauerei und traf auf Penz in der Werkstatt des Franz Kobald in Schwaz. Dort erzählte er ihm von seiner Begegnung mit der Kunst Rodins in Paris. Heilmeyer blieb mit dem Tiroler Künstler befreundet und widmete ihm 1925 die genannte, längst vergriffene Biographie, die jedoch nach wie vor die Grundlage für eine Beschäftigung mit Ludwig Penz darstellt. Ihr Text wurde daher im vorliegenden Band vollständig abgedruckt – und mit wertvollen Anmerkungen versehen, die kommentieren, aber aufgrund neuer Erkenntnisse auch korrigieren. Diese große Arbeit hat mit viel Engagement, Leidenschaft, ja „Herzblut“ die Innsbrucker Germanistin und Historikerin Ellen Hastaba übernommen. Sie leitet die Nachlasssammlung und die Textwerkstatt am Tiroler Landesmuseum.

 

 

Ludwig Penz im Porträt: Wenn er, „am elterlichen Hof einkehrte, brachte er wenig Heiterkeit ins Haus. Er war ernst und einsilbig und er mochte es nicht, wenn lieblos über Abwesende geredet wurde, dann wandte er sich ab und verzog sich mit der Bibel, dem einzigen Buch auf Luimes, in irgendeine Ecke“ (Wilfried Kirschl). – Ludwig Penz, reproduziert nach einem Abzug der Originalfotografie von Georg Angerer im Besitz von Dietrich Kaltenhauser, Schwaz. – Foto: Tyrolia-Verlag, Innsbruck.

 

Ludwig Penz: bescheiden, bedeutend. Ellen Hastaba ist überhaupt die Entstehung dieses wichtigen Bandes zu verdanken: Sie sichtete dazu eine Unmenge von hand- und maschinschriftlichen Notizen des Tiroler Malers Wilfried Kirschl (1930–2010), der mit diesen Bausteinen eine neue Penz-Monografie bauen wollte, sie jedoch nicht mehr realisieren konnte. Kirschl war profunder Kenner von Albin Egger-Lienz (1868–1926), über dessen Leben und Werk er ein monumentales Werk (1977) verfasste. Diese Tatsache ist wichtig, da Egger-Lienz und Penz miteinander befreundet waren, die zeichnerischen und plastischen Arbeiten von Penz gleichberechtigt neben dem Gemalten von Egger-Lienz stehen. Dazu Kirschl in seiner Egger-Lienz-Monografie: „Wenigen Künstlern ist Egger innerlich so nahe gestanden wie diesem so bescheidenen wie genialen, in keine Schule oder Gruppierung einzuordnenden Mann.“

Malerische Konzeption: „Am unmittelbarsten spricht seine geistvoll malerische Konzeption in angeschnittenen Figuren, die aus Licht und Schatten gewobenen malerischen Impressionen vergleichbar sind. Sie gewinnen noch im besondern an Reiz und Charme durch die farbige Behandlung, die er ihnen mittels seiner ‚Rußlampe‘ und ein wenig Wasserfarbe angedeihen ließ. Gedieh nämlich irgendeine Schnitzerei zur Zufriedenheit, so hielt er sie über eine stark rußende Petroleumlampe und räucherte das rotschimmernde Zirbelholz bis zu einem braunrötlichem rembrandtischen Ton an, rieb es an hohen Stellen glatt, daß es wie Seide schimmerte, und verlieh der Figur durch ein wenig Farbe ein überaus charakteristisches Aussehen, ein Kunstgriff, wodurch er seinen Realismus ins Phantastisch-Phänomenale steigerte“ (Alexander Heilmeyer 1925). – Ludwig Penz, Der Schaufler, undatiert, Bronze nach Holz, Höhe 28,7 cm, Breite 21,5 cm, Tiefe 11,5 cm, Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (?). – Foto: Tyrolia-Verlag, Innsbruck.

 

Linien verschmolzen. Anschließend bringt die vorliegende Publikation Beispiele aus dem bisher kaum bekannten zeichnerischen Werk von Ludwig Penz. Diese Einblicke in die kleinformatigen Skizzenbücher lassen den Betrachter am Leben des Kreativen teilnehmen: „Der Bleistift kräuselte sich auf dem Blatt. Die Linien verschmolzen wie von selbst auf verschiedenen Ebenen, die vom Licht durchflutet wurden“ – so beschreibt Rudi Wach die Art, wie Penz zeichnete.

Echte Empfindung. Geschnitzt. Im nächsten Kapitel ist eine Auswahl von bildhauerischen Arbeiten versammelt, die exzellent fotografiert wurden.Detailaufnahmen lassen die spezielle Gestaltungsweise von Ludwig Penz erkennen. Neben wenigen Großplastiken im öffentlichen Raum in Tirol schuf er eine große Zahl kleinformatiger Holzskulpturen, meist in der Höhe von 20 oder 30 Zentimetern: Bauern, Schafe, Kraxenträger, Ziegen, Schaufler, Musikanten und Handwerker. Bereits um 1900 gingen von diesen Arbeiten kräftige Impulse für eine zeitgemäße formale und emotionale Erneuerung der Bildhauerei in Tirol allgemein, aber auch für die Künstlerkrippe aus, mit der sich Penz auch beschäftigte. Er befreite die Figuren aus ihrer historistischen bzw. spätnazarenischen Erstarrung, in dem er sich eine zeitgemäße formale Erneuerung der Bildwerke erarbeitet. Die neue Form verband er mit dem Ausdruck „echter“ Empfindung, ließ sich dabei vom „eigenen herzlichen, religiösen Gemüt“ leiten (Alexander Heilmeyer 1925). Gerade die Krippenfiguren erlöste Penz vom Lieblichen und Idyllischen: Sein Krippenvolk orientiert sich an Menschen seiner persönlichen Umgebung, die er genau beobachtete und damit die Realität in die Krippen-Welt aufnahm.

Ein bedeutender Zeichner: „Aus seinem Strich scheint unmittelbar das Gefühlte und Geschaute, das tiefbeseelte physiognomisch Naturhafte der Erscheinung heraus. Seine Köpfe von alten Weibern hält man zuerst für komische Grotesken, bis man näher zusieht und erschüttert bekennt: Bei Gott, so ist das Leben, so zeichnet es den Menschen und mergelt ihn aus!“ (Alexander Heilmeyer 1925). – Ludwig Penz, Schlafende Frau. – Foto: Tyrolia-Verlag, Innsbruck.

Licht-Figuren. Wie radikal Ludwig Penz mit der traditionellen Holzbildhauerei brach, macht die Betrachtung seiner um 1900 geschnitzten Figuren deutlich. Für die Augen der Zeitgenossen, die makellos „reine“, tadellos geglättete, perfekt gefasste Formulierungen gewohnt waren, müssen diese Gestaltungen geradezu revolutionär, da ihrer Meinung nach „halbfertigt“, gewirkt haben. Zunächst die Holzsichtigkeit: Die Arbeiten sind nur zum Teil ganz leicht getönt, Farbe wird durch die impressionistisch wirkende, da mit Höhungen und Vertiefungen durchgearbeitete Oberfläche ersetzt, mit der das Licht nun spielt. Rudi Wach dazu: „Er suchte auch das Licht in seinen Figuren zu fixieren und festzuhalten.“. Dann: Penz zeigt nur das Wesentliche, deutet die Haltungen lediglich an – das Auge ist gezwungen, zu ergänzen, was die die von ihm „malerisch“ angelegten Akteure ungeheuer verlebendigt.

Sei nichts als eine Blume, die Licht trinkt: „Nichts ist bloß abgezeichnet, alles erscheint ‚übersetzt‘, zusammengesetzt und in sich verschmolzen aus Formerfindungen.“ (Wilfried Kirschl). – Ludwig Penz, Mönche, 1910, Schwarze Kreide, 161 x 118 mm, Blatt aus einem Skizzenbuch, Innsbruck, Sammlung Peter Konzert. Foto: Tyrolia-Verlag, Innsbruck.

 

Tod und Weiterleben. Albin Egger-Lienz schrieb anlässlich des Todes von Ludwig Penz im Jahr 1918: „Ein solcher Verlust eines so reinen, harmonischen Menschen und Künstlers muss jedem, der ihn kannte, für alle Zeit das Herz beschweren.“ Ludwig Penz hatte zwar keine Schüler, trotzdem beeinflussten seine Schöpfungen die Gestaltungen der nachfolgenden Bildhauergeneration in Tirol. Bei der Vermittlung seiner Findungen spielte sicherlich die erwähnte, 1925 von Alexander Heilmeyer herausgebrachte Penz-Monographie eine große Rolle. Nicht nur sie kann in dem empfehlenswerten Band nachgelesen werden.

 

LUDWIG PENZ. Die Suche nach der Bildhauerei. Zeichnungen und Skulpturen 1895–1918. Mit Beiträgen von Alexander Heilmeyer, Wilfried Kirschl, Rudi Wach und Ellen Hastaba; Redigiert von Ellen Hastaba; Herausgegeben vom Schwazer Kulturverein im Toni-Knapp-Haus. 224 Seiten, 122 farbige Abbildungen, 24 x 29 cm. Leinen mit Schutzumschlag. Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2011. ISBN 978-3-7022-3091-3. 34,95 €. www.tyrolia-verlag.at.

Zum Autor Dr. Helmuth Oehler, Innsbruck: www.helmuth-oehler.at

 

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