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In der Schweiz gibt es nur noch wenige Wanderschäfer. Einer von ihnen heisst Markus Nyffeler. Er geniesst sein Leben in der freien Natur.


Hier bekommt das Wort Schneemann eine tiefere Bedeutung. Aus langem, nassem und strähnigem Haar, aus hohen Knochen unter roten Backen und aus einem Vollbart wird im heftigen Schneetreiben eine weisse Maske: Es ist der Schafhirt Markus Nyffeler. Eines kann das Weiss aber nicht verdecken: Sein ansteckendes Lachen. Und Nyffeler lacht gerne, auch im Schneesturm. Er ist Schäfer aus Passion, macht mit seiner Gelassenheit einen Eindruck, als würde eine milde Sonne vom blauen Himmel scheinen. Mit einem herzhaften Lacher quittiert er auch die Frage, ob ihn die einsame Arbeit zu einem Philosophen mache. "Das fragen mich die Pfarrer auch immer", sagt er und verneint. Es wäre auch gar nicht so einfach, die Gedanken abschweifen zu lassen. Denn Ablenkung ist immer da. Auch auf der winterlichen Wanderschaft. Etwa durch benachbarte Bauern, die einen Kaffee anbieten, oder durch die lebhaften Border-Collies Lea und Luc, welche in gut schweizerischer Manier manchmal etwas gar besorgt sind, um Ordnung in der Herde zu halten. "Wenn sie die Schafe ständig zusammentreiben wollen, kommen die gar nicht zum Fressen", kommentiert Nyffeler. Eine häufige Ablenkung ist aber auch das Handy, ein unverzichtbares Arbeitsinstrument des modernen Schäfers. Selbst im Schneesturm kann er deshalb auch die Bestellung von Peter Zwahlen, der ein Fachgeschäft für Lammfleisch in Thun betreibt, entgegen nehmen. "70 Schafe nächste Woche? Das ist kein Problem. Meine Frau bringt sie." Barbara Gisiger ist weit mehr als Markus Nyffelers rechte Hand - in einem Betrieb wäre sie die Geschäftsführerin. Denn sie fährt die Tiere nicht nur im eigenen Doppellader zu den Käufern. Sie organisiert auch Hilfsschäfer, falls die Herde zu gross ist und kümmert sich um die vier Pferde, die acht Geissen und die rund 150 Mutterschafe, die im Winter über im eigenen Stall bleiben. Im Frühling zieht sie schwache Lämmer mit der Flasche auf. "Die Transporte sind teuer. Deshalb haben wir unseren eigenen Lastwagen", schreit Nyffeler gegen den Wind an. Am Morgen hatte es noch geregnet. Doch mit dem auffrischenden Wind ist auch eine Kaltfront über den Gantrisch gezogen. Nyffelers vom Kanton Bern zugewiesenes Wandergebiet ist - bei schönem Wetter - eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stadtberner. Gerne hätte er es gezeigt, doch der Blick verliert sich schnell in einem gräulich-weissen Horizont.

Mit seinen Schafen beweidet er das 900 Quadratkiometer grosse Gebiet westlich von Thun bis zur Sense, der Kantonsgrenze nach Fribourg. Im Norden wird es durch die Aare und im Süden durch die Gipfel des Gantrisch begrenzt. Für Nyffeler zählen vor allem die Qualität des Weidelandes und die Strenge des Winters. Es sind meist private Weiden von Bauern, die er bestösst. Wenn es über eine zu lange Zeit zu viel Schnee hat, muss er zufüttern. Oder die Schafe müssen lange ihm Schnee scharren, bekommen nur wenig Futter und nehmen kaum zu. Beides kostet ihn Geld. Deshalb ist ein schneearmer Winter für ihn ein guter Winter.

Nyffeler kennt keine Kälte

Die Unterhaltung erhitzt den 51-Jährigen Schäfer. Trotz der Kälte öffnet er seinen Mantel. "Es ist nicht kalt", sagt er. "Früher habe ich bei solchem Wetter draussen übernachtet. Manchmal ohne Zelt." Einmal, erzählt er, seien am Morgen die Lederschuhe ganz steif gewesen. Ein Bauer habe ihm dann gesagt, in der Nacht sei das Thermometer auf 25 Grad unter Null gesunken. Das tut seiner Gesundheit keinen Abbruch. "Ich bin nie krank. Das kenne ich nicht".

Es sind solche Geschichten, die das Leben der Schäfer seit langem zu einem faszinierenden Medienthema machen. Die Hirten sind ein Gegenentwurf zur modernen, durchorganisierten Gesellschaft. "Sie finden mich schon. Ich bin irgendwo bei Lanzenhäusern. Das liegt bei Schwarzenburg. Und zwar von acht bis acht", sagte er am Telefon. Und damit war für ihn die Terminfrage erledigt. Tatsächlich treffen wir ihn mit seinen Schafen auf einer Wiese beim Weiler Steinebrünne. Immerhin sind über 600 Schafe trotz schlechten Lichtverhältnissen nicht zu übersehen. Ein Schäfer muss vieles entbehren, aber gewiss nicht Zeit. Die Zeit aber vermissen die meisten Menschen. Sein mobiles Telefon, ein älteres Modell, ist Nyffelers einzige Konzession an das moderne Leben. Sonst verzichtet er auf weitere Annehmlichkeiten. Kein Radio oder MP3-Player ist da, der ihm irgendwie Ablenkung verschaffen könnte.

Warum ist Nyffeler Schäfer geworden? Der gelernte Metzger hätte auch den Hof seines Vaters übernehmen können. Doch dann hätte man den Rinderstall sanieren müssen, und so sei es ihm schliesslich leicht gefallen, sich für die Schafshaltung zu entscheiden. Denn zu diesen Tieren hatte er schon immer eine Beziehung. "Ich bin schon als Kind mit den Brüdern Cominelli mitgezogen. Das sind drei italienische Schäfer, die auch in unserer Gegend die Rechte für die Winterwanderung hatten. Ihr Leben faszinierte mich. Ich fand es toll, sich so durch die Gegend treiben zu lassen und mit Hunden und Schafen zusammenzuarbeiten. So einfach ist das." Vielleicht auch, weil das ungebundene Nomadisieren seiner Vorstellung eines glücklichen Lebens nahe kommt. Bereut hat Markus Nyffeler seinen Entscheid nie. Mit Giacomo Cominelli verbindet ihn eine lange Freundschaft. So manchen Abend haben sie gemeinsam am Lagerfeuer verbracht. Der Italiener sei ein Grübler, der aber so fluchen könne, dass Nyffeler jeweils froh ist, wenn nur Schafe zuhören.

Schafhaltung - eine alte Tradition

Den Sommer verbringen die Schafe mit Barbara Gisiger auf der Alp, während Nyffeler das Gras auf dem eigenen und gepachteten Land, rund 40 Hektaren, mäht und siliert. Jahrelang waren die Tiere auf einer Alp bei Innerkirchen nahe dem Gauligletscher. Die letzten fünf Jahre grasten sie oberhalb von Bex im Waadtland. Gleich im ersten Jahr riss ihm ein Wolf 35 Schafe. Es sah entsetzlich aus. "Ich hatte schon eine Woche später Herdenschutzhunde und im darauffolgenden Winter kaufte ich mir in Italien zwei junge Abbruzese." Sie werden in der Schweiz häufig als Herdenschutzhunde eingesetzt. Damit sie diese Arbeit auch verrichten können, wachsen sie mit den Schafen auf. Ihr Schutzinstinkt ist absolut. Da kann auch mal ein Schosshündchen als Wolf angesehen und vertrieben werden. Deshalb nimmt Markus Nyffeler nur seine Border Collie, nicht aber die Schutzhunde mit, wenn er im Unterland auf Wanderschaft ist. "Sie sind für die Winterwanderung nicht geeignet."

Das Leben auf der Alp ist zwar relativ stationär, aber nicht minder anspruchsvoll. Nicht nur wegen dem Wolf. Markus Nyffeler erinnert sich, wie er schon Tiere in fast aussichtloser Lage retten musste. Sie hatten sich im felsigen Gebiet verirrt und kamen weder vorwärts noch zurück. "Das kann unangenehm sein, besonders wenn das Wetter schlecht wird", erklärt er. Nach dem Alpabzug ist die grosse Schafteilung auf Nyffelers Hof: die Schafscheid. Die Tiere werden sortiert. Die Wohlgenährten lässt er schlachten. Jene, die schwächer sind, nimmt er auf die Wanderschaft mit. Zudem kauft er Tiere anderer Herden hinzu, so dass er im Winter gegen 1‚Äô000 Schafe hütet. Die meisten sind weisse Alpenschafe oder schwarzbraune Bergschafe. Doch jetzt sind in der Herde auch einige Tiere der alten Rassen Roux du Valais mit ihren kühn geschwungenen Hörnern, Heidschnucken, Texel, Charollais, Suffolk und schwarzköpfige Fleischschafe.

Lagerfeuer - der krönende Abschluss

In der Gegend von Schwarzenburg hat die Schafhaltung Tradition. Davon zeugen auch Flurnamen und Feste vor allem zur Schafscheid in Riffenmatt im September. Markus Nyffeler kommentiert trocken: "Heute tummeln sich dort mehr Besucher als Schafe." Riffenmatt liegt übrigens nicht weit von Guggisberg, wo das vielbesungene Vreneli ihrer Jugendliebe nachtrauerte. Die Dörfer sind von zahlreichen Weilern umgeben. Die Dächer der stattlichen Bauernhäuser reichen manchmal fast an den Boden. Es ist malerisch, und wer sich umblickt, sieht die Kulisse für Geschichten von Jeremias Gotthelf vor dem geistigen Auge. Die Bauern sind freundlich. Das erlebt auch Markus Nyffler, der mit seinen Schafen im Winter auf ihren Wiesen weidet. "Wenn es einem Landbesitzer nicht passt, sagt er mir das und ich ziehe weiter", erklärt er. Doch das sei selten der Fall. Die Weiden würden ja im Winter nicht benötigt. Wenn das Gras abgeweidet ist, oder die Schafe es nicht fressen weil es mit Jauche gedüngt wurde, zieht er weiter.

Als es dämmert, bricht Nyffeler mit seiner Herde auf, um in einem kleinen Wäldchen zu übernachten. Einige der Schafe am Schluss der Herde hinken. "Sie sind gesund, aber das sieht nicht so aus, weil jene, die nicht so gut zu Fuss sind, hinterher humpeln", erklärt Nyffeler, "mit den Schafen ist es wie mit den Menschen. Nehmen Sie eine Gruppe von 1000 Leuten auf dem Bahnhofplatz in Bern. Da gibt es auch einige, die humpeln." Die gefürchtete Moderhinke ist bei Wanderschafen selten. Doch kleinere Entzündungen an Sohlen kommen vor. Auf gesundheitlich angeschlagene Tiere nehmen die anderen Schafe keine Rücksicht. Sie lassen sie zurück. Dennoch schliessen bereits Lämmer Freundschaften. Dann weichen sie einander nicht von der Seite. Auch die Hunde haben ihre bevorzugten Schafe. Die behandeln sie beim Treiben vorsichtiger. Am Waldrand hat Barbara Gisiger bereits ein Feuer angezündet, das trotz des garstigen Wetters munter brennt. "Wenn man den ganzen Tag draussen war, ist es der krönende Abschluss", erklärt sie. Für Markus Nyffeler ist jetzt Feierabend: Mit einer wärmenden Suppe und einer Bratwurst.

 

 

 

 

Wieder mehr junge Schafzüchter

In der Schweiz gibt es 420'000 Schafe. Sie werden von rund 4200 Züchtern gehalten. Davon sind nur zehn als Wanderschäfer unterwegs. Aus allen Tieren wurden rund 73'000 Herdenbuchschafe ausgewählt. Diese Schafe eignen sich zur Weiterzucht. Hierzulande sind elf Schafrassen registriert. Am häufigsten sind die weissen Alpschafe, die Walliser Schwarznasenschafe, die braunköpfigen Fleischschafe und das schwarzbraune Bergschaf anzutreffen. Der Schweizer Schafzuchtverband sorgt mit seinen Zuchtregeln für einen gesunden Tierbestand. Das hauptsächliche Zuchtkriterium ist die Fleischqualität. Es werden vollfleischige Schafe bevorzugt. O-Beine, mischfarbige Felle oder Stichelhaare sind aber ebenfalls Kriterien, die gegen die Weiterzucht eines Schafes sprechen. Von Stichelhaaren sprechen die Schafzüchter, wenn sich Haare nicht krausen, wie sie sollten, sondern gerade herausstehen. Das mindert nicht nur die Wollqualität, sondern reduziert auch die Wärmeisolation des Felles. Häufig haben Schafe an der Seite Stichelhaar-Nester. Weniger als zehn Prozent der Schafe werden für die Milchproduktion verwendet. Dort zählt die Milchleistung als Zuchtkriterium. Im Gegensatz zur Situation vor rund zehn Jahren bekommen die Schafzüchter heute wieder Geld für ihre Wolle. Sie wird im Frühjahr in regionalen Zentren abgeholt. Die Wolle eines erwachsenen Schafes bringt drei bis vier Franken ein. Sie wird im Ausland gewaschen und zu Flies verarbeitet. Dann kommt sie wieder zurück in die Schweiz, wo sie für Kleider, als Isolationsstoff oder zur Füllung von Matratzen Verwendung findet. Der Fleischverkauf die Haupteinnahmequelle für die Schafzüchter. Der Marktpreis beträgt zwischen 10 und 12 Franken. Dieser Preis ist ebenfalls besser als noch vor einigen Jahren. Der Grund: Beim Hauptkonkurrenten Neuseeland setzt man zunehmend auf die Produktion von Wild für den europäischen und Rind für den asiatischen Markt. Zudem wird Lammfleisch immer populärer und entsprechend vermarktet. Beispiele sind die Bio-Schaffleisch und Pro Montagna - Aktionen bei Coop und die saisonale Alplamm-Aktion der Migros, der sich immer mehr Mitglieder des Genossenschaftsbundes anschliessen, wie Martin Keller, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Schafzuchtverbandes versichert. Die meisten Schafzüchter haben nur wenige Tiere. Deshalb organisieren sie sich in ihrer Region häufig auf genossenschaftlicher Basis. Viele Züchter machen dies als Hobby. Doch die Zeiten, als man im Verband Angst vor einer Überalterung hatte, sind vorbei. Martin Keller: "Es kommen wieder jüngere Leute, die Freude an Schafen haben".

 

 

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