Alpwirtschaft

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Warum Rebsaft aus dem italienischen Veltlin bis heute als „urschweizerischer Wein“ betrachtet wird.

Panorama Veltlin

Auf der Suche nach Anregungen für sein Monumentalwerk „Codex Atlanticus“ bereiste Leonardo da Vinci (1452-1519) auch das Valtellina – deutsch Veltlin – genannte Tal des Adda-Flusses am Nordrand des Herzogtums Mailand. Aus der Toskana stammend, empfand er das vom Puschlav bis zum Nordufer des Comersees reichende Tal mit seinem rauen Klima und sumpfigen Böden, „von hohen und schrecklichen Bergen umgeben“, als unwirtlich. Immerhin behielt das Universalgenie den dort gekelterten Rebensaft als „kräftig“ in Erinnerung.

Diese Ansicht teilten auch die Bündner, die das Veltlin als Untertanengebiet von 1512 bis Ende des 18.Jahrhunderts verwalteten. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Weine aus dem Veltlin – nicht zu verwechseln mit den vornehmlich in Österreich angebauten Veltliner Rebsorten – dürfen bei vielen offiziellen Empfängen in Graubünden nicht fehlen. Dass das Veltlin der Alten Eidgenossenschaft nicht beitrat, ändert nichts an der hierzulande weit verbreiteten Meinung, der von dort stammende Rebsaft sei ein „urschweizerischer Wein“. Schätzungsweise 40 Prozent der dortigen Produktion – sie liegt jährlich bei etwa 35 000 Hektolitern – werden in die Schweiz eingeführt.

Robuster und anspruchsloser Konsumwein

Früher galt das aus der Nebbiolo-Traube gekelterte Getränk als robuster und anspruchsloser Konsumwein, der nach seinem Transport über die Staatsgrenze ins Puschlav sicherheitshalber entsäuert und mit anderen Weinsorten verschnitten wurde. Der Puschlaver Winzer Pietro Zanolari vertrieb ihn seit 1925 unter dem Markennamen „Flüssige Sonne“ in der deutschen Schweiz. Sein Weinhaus schrieb die Kunden erstmals per Briefpost an, um ihnen diesen Tropfen schmackhaft zu machen.

WeinbauerDen sich wandelnden Qualitätsansprüchen war der ursprünglich auf 7000 Hektaren angebaute Massenwein seit den 1980er Jahren nicht mehr gewachsen, sein Absatz ging zurück. Viele der italienischen Winzer, die zu 90 Prozent über kaum mehr als einen Hektar oftmals nicht zusammenhängender Rebfläche in Steillage verfügten, gaben auf. Heute liegt die bewirtschaftete Fläche bei weniger als 1000 Hektaren.

Schweizer Beiträge für mehr Qualität

Puschlaver Weinbauern erwarben damals jenseits der Grenze günstig Flächen oder pachteten Weinberge. Sie setzten alles daran, die Weinqualität zu steigern. Heute sind Tropfen aus dem Veltlin in der Schweiz populärer als im Herkunftsland. In den Gemeinden Poschiavo und Brusio gibt es gegenwärtig fünf Winzereien und zwei Weinhandlungen – gemessen an 4300 Einwohnern ein einsamer Rekord, obwohl die Einheimischen erfahrungsgemäss das eine oder andere Glas niemals verschmähen. Das Gros der Einfuhrmenge geht freilich an Privatkunden in der deutschen Schweiz und die Gastronomie, vor allem in Graubünden.

Gastwirt Primo Semadeni, der auf 2095 Metern im ehemaligen Bahnhof Alp Grüm ein Hotel mit Restaurant betreibt, hat mehrere rote und weisse Weine aus dem Veltlin auf seine Karte genommen. „Sie passen nicht nur hervorragend zu den regionalen Spezialitäten, wie Capuns oder Pizzoccheri, ich kann sie den Gästen auch zu einem akzeptablen Preis anbieten“, sagt er. Im Gegensatz zu anderen Importweinen geben seinen Worten zufolge die im Puschlav wohnhaften Winzer die Valtellina-Sorten günstiger ab. Nicht etwa aus Nächstenliebe, sondern dank einer bis in die 1950er Jahre zurückreichenden Vereinbarung zwischen der Schweiz und Italien über steuerliche Vorteile.

Rebflächen in Steillage

WeinernteDavon profitiert auch Giuliano Zanolari, der mit seinem Sohn Marcel in der Provinz Sondrio südlich der Stadt Tirano, Endpunkt der Bernina-Eisenbahnlinie, elf Hektaren bewirtschaftet, fünf davon in Pacht. Seine oftmals sehr abschüssigen, für das Veltlin typischen Weinbauflächen erstrecken sich in der beidseitig der Staatsgrenze festgelegen zehn Kilometer langen Grenzzone. Dort gelten, gestaffelt nach den Einfuhrmengen, Steuererleichterungen – vorausgesetzt, die fertigen Produkte werden innert Jahresfrist nach der Ernte importiert.

 Das nützt in erster Linie den im Puschlav lebenden Kernobstbauern, die als Grenzgänger Flächen im Veltlin bewirtschaften. Zanolari und auch die übrigen Puschlaver Winzer können diesen Vorteil nur bedingt in Anspruch nehmen: „Heute ist vor allem der Valtellina Superiore mit der staatlichen italienischen Herkunftsbezeichnung DOCG gefragt“, berichtet Giuliano Zanolari. Dazu müsse der Wein jedoch nach der Ernte mindestens zwei Jahre in Italien verbleiben. Erst dann wird er ins Puschlav transportiert und dort in Flaschen abgefüllt, fiskalische Begünstigungen entfallen daher.

Als Giuliano Zanolari Ende der 1990er Jahre im Veltlin erste Flächen erwarb, galt es zunächst, die oftmals brachliegenden Weinberge in Schuss zu bringen. „Weil der Boden ungeeignet war, mussten Humus herbeitransportiert, schadhafte Terrassenmauern repariert und Bewässerungskanäle erneuert werden“, erinnert sich Zanolari, der bei Bianzone eine Fattoria (Winzerhof) erwarb und renovieren liess. Dann erst konnte er durchstarten: Zanolari den (in Italien weit verbreiteten) biologischen Weinbau ein, 2013 stellte man auf biologisch-dynamisch um.

Weissweine werden wichtiger

Statt für billigen Massenwein steht der Name Valtellina heute für zarte und komplexe Weine, die im Barrique ausgebaut werden. Aus Nebbiolo-Trauben, die auf Strohmatten getrocknet werden, entsteht der ebenso kraftvolle wie elegante Sforzato, der sich mit dem Amarone messen kann. Preislich bewegt sich der Valtellina Superiore zwischen 10 Franken im Supermarkt und zwischen14 bis 20 Franken ab Winzerhof, wobei der Sforzato deutlich mehr kostet. Die italienischen Winzer bieten in der Regel ihren Superiore zehn bis 15 Prozent günstiger an als die Schweizer Kollegen.

Veltliner Weinberge

Seit einigen Jahren macht das Veltlin zudem mit Weissweinen, die früher gar nicht produziert werden durften, in der Weinszene auf sich aufmerksam. „Mit seinen extremen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht bietet sich die Gegend für den Weissweinanbau geradezu an“, weiss Marcel Zanolari. Sein Hauptaugenmerk gilt Traminer, Weissburgunder, Riesling und Moscato, „Weisse aus dem Veltlin können eine erfolgversprechende Nische werden“, glaubt Zanolari Junior.

Darauf setzt auch Piero Triacca, der seit 2012 Sauvignon Blanc anbaut. Allerdings nicht im Veltlin, sondern im Puschlav, auf einer 0,3 Hektar grossen Parzelle bei der Ortschaft Campascio, einen Steinwurf von der Staatsgrenze entfernt. Tatsächlich wurde bis in die 1960er Jahre auch im Puschlav Weinbau betrieben, an seine Stelle trat der durch den Bund subventionierte Tabakanbau.

„Campà“ nannte Triacca seinen kräftigen Wein mit Anklängen an Holunderblüten, Cassisblätter und Dörraprikosen. Leider gibt es davon jährlich nur ein paar hundert Flaschen. Und die behalten die Puschlaver natürlich für sich selbst.

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