Alpwirtschaft

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Die Lampertsch- und die Läntaalp wurden über Jahrhunderte aus dem Bleniotal bestossen. Mehrere Familien sömmerten das Vieh in dem von mächtigen Dreitausendern gesäumten Hochtal. Heute ist die Nutzung viel extensiver. Auch die Alpkäserei ist Geschichte.

Kleine weisse Punkte und ein gelegentliches Blöken: 850 Schafe verlieren sich in der Weite der steilen Wiesen oberhalb der Alpgebäude der Lampertschalp. Ein mächtiger Wasserfall begrenzt ihr Weideland. Der Länta-Gletscher, von dem heute nur noch ein kümmerlicher Rest übrig geblieben ist, und der Valser Rhein haben dieses von mächtigen Gipfeln gesäumte Hochgebirgstal geprägt. Die Weiden an den Hängen hat der Gletscher geformt, das fruchtbare Schwemmland im Tal der Fluss. Talabwärts machen 50 Mutterkühe, ihre Kälber und eine Schar Rinder im stotzigen, von Felsen durchzogenen, aber weniger steilen Gelände Mittagspause: Einige haben es sich auf dem Alpweg bequem gemacht. Es ist eine teils neue, teils wieder entdeckte, im Vergleich zu den heute üblichen, hochgezüchteten Rassen viel berggängigere Vieh-Generation: Schottische Hochlandrinder, Pinzgauer Rinder, Tiroler Grauvieh. In die steilen Hänge, wo einst Jungvieh geweidet hatte, das kaum grösser war als die heutigen Schafe, treibt sie Alois Stoffel dennoch nicht. "Sie würden problemlos zurecht kommen. Aber sie sind einfach zu schwer. Wir hätten schon nach wenigen Jahren erhebliche Trittschäden". Die Tiere stammen von Bauern aus der Region Ilanz, sie werden noch wie seit Urzeiten in einem Alpaufzug auf die Lampertschalp getrieben.

Stoffel bewirtschaftet die Alp zusammen mit seiner Gattin seit 1998. Eine eigene Landwirtschaft hat er nicht. Schon sein Vorgänger, der während 25 Jahren hier gealpt hatte, hatte den eigenen Betrieb aufgegeben und im Winter als Skilehrer gearbeitet. Mit dem Alpkäsen hat Stoffel vor einem Jahrzehnt aufgehört. Die Lust sei ihm angesichts der immer schärfer werdenden Hygiene-Vorschriften vergangen. Die Investitionen wären in keinem Verhältnis zu den erzielbaren Erträgen gestanden. Heute wäre es aber auch kaum mehr möglich, Alpkühe aufzutreiben. Die Bauerfamilien aus Ilanz und Umgebung, die seit mehreren Generationen ihr Vieh auf der Lampertschalp sömmern, haben alle auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Und die auf Hochleistung getrimmten Milchkühe aus dem Flachland kämen mit der kargen Kräuterkost auf der Alp kaum mehr zurecht. Die Milcherträge wären zu gering. Zudem ist selbst der Ausschank von Rohmilch heute verboten ‚Äì sie müsste zuerst pasteurisiert werden. So dient die Alp nur noch der reinen Fleischproduktion, während ein Helikopter Brausewasser und andere moderne Köstlichkeiten zur nahen Länta-Hütte am Fusse des gleichnamigen Gletschers fliegt. Dort entspringt der Valser Rhein. Vor vielen Generationen wurde auch die Länta-Alp noch mit Grossvieh bestossen. Auch Käse wurde hergestellt. Seit einem guten Jahrhundert weiden hier aber nur noch Schafe. Auf der Länta- und der Lampertschalp wurden noch bis in die 1950er-Jahre bis zu 2000 Schafe gealpt. Die Schafzahl ist heute auf 850 gesunken.


Ein Bild aus den 1950er-Jahren, als die Lampertschalp noch weit intensiver bewirtschaftet wurde.

Regina Capaul hat als junge Mutter von zwei Kleinkindern die Sommer 1965 und 1966 auf der Lampertschalp verbracht. Zusammen mit ihrem Bruder und vier Buben bewirtschaftete sie die Alp. Sie war zuständig für den Haushalt, die Alpkäserei und die Butterproduktion. Zu den 28 Kühen kamen 35 Zuchtstierkälber, 100 Rinder und 1300 Schafe. Ihr Bruder hütete die Schafherde, zwei Buben waren für die Behirtung des Galtviehs zuständig, einer für die Stierkälber und einer für die Kühe. Elektrozäune gab es noch nicht. Ein Teil des Rahmes wurde abgeschöpft, um Butter zu produzieren. Die entfettete Milch wurde zu einem Teil verkäst, zu einem andern Teil an die Stierkälber verfüttert.

Zu der Zeit war es schon drei Generationen her, dass die Lampertschalp aus dem Bleniotal bestossen worden war. Um das Jahr 1885 hatte, nach einigen strengen Wintern, der einen Viehauftrieb aus dem Tessin nur mit grosser Verspätung erlaubte, eine über 400-jährige Tradition geendet. 1451 hatten die Gemeinden Valentino, Castro und Marolta einen Drittel der Alp gekauft. Die anderen Teile gehörten einer Tessiner Familie und den "Tautonici", den Walsern aus Vals. Tessiner, Romanen und Valser Familien bewirtschafteten als Pächter die Alp über Jahrhunderte. Manche taten sich in einer frühen Form der Alpgenossenschaften zusammen, manche arbeiteten für sich. 24 Alphütten haben Archäologen nachgewiesen. Es gab auch eine Kapelle, die in den 1920er-Jahren von einer Lawine hinweggefegt wurde. Die Blenieser hatten einen aussergewöhnlich beschwerlichen Weg hinauf zur Alp. Die schwierigste Passage war die Felswand, die es auf dem Weg vom Soredapass auf 2759 Metern hinunter ins Tal zu bezwingen galt. Tonnen von Steinen mussten für den Saumpfad verlegt werden, einige der Stützmauern waren meterhoch. Nur kleine Reste haben sich erhalten. Begangen wurde auch die Bocchetta di Fornee etwas weiter talaufwärts. Der Soredapass war auch für den Fernhandel von einiger Bedeutung. Hatte man diese hohe Hürde einmal gemeistert, ging es vergleichsweise bequem in sanftem Abstieg hinunter nach Vals.

Acht der einstmals 23 Hütten haben sich erhalten. Genutzt werden heute nur noch drei. Der Valser Rhein hat sich wegen der anhaltenden Gletscherschmelze, die auch viel Geröll ins Tal spült, in den vergangenen Jahrzehnten wieder um einiges breiter gemacht. Einer seiner Vorgänger sei schockiert gewesen, erzählt Alois Stoffel, als er nach Jahrzehnten der Alp wieder einen Besuch abstattete. Die besten Weiden habe der Rhein zerstört. Der Niedergang der Lampertschalp hatte aber schon zuvor eingesetzt. In verschiedenen Alpkastastern und Aufzeichnungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Bild einer schlecht gepflegten Alp vermittelt. Das galt offenbar nicht nur für die Lampertschalp. 5‚Äò380 Hektaren auf den 14 Alpen seien nutzbar, heisst es im 1909 erschienen Buch "Die Alpwirtschaft im Kanton Graubünden", als dessen Herausgeber der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verein zeichnet. Für eine "intensive Bearbeitung" fehlten "nötige Hände und nötiger Geist". Autor H. Strüby, der Zentralsekretär des Verbandes, führte den Missstand auf die private Halterung und Käserei zurück. Heu und Dünger würden den Alpzwecken oft "entfremdet", es gebe keinerlei Modernisierung oder Verbesserungsmassnahmen. So sei eine vor Jahren erstellte Wasserleitung auf der Lampertschalp nicht mehr erneuert worden. Bestossen wurde die Lampertschalp zu der Zeit nach einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1901 mit 63 Kühen, 83 "älteren Rindern", 27 Kälbern, zwei Pferden, 1000 Schafen, 40 Ziegen und sechs Schweinen während 83 Tagen. Knapp 20 Jahre später dasselbe Bild: "Es wird wenig geleistet", heisst es im "Bericht über die Alpinspektionen im Kanton Graubünden". Die Bestossung war leicht gesunken. Die jetzigen Pächter brächten "wenigstens jährlich den Dünger aus. Gutes Weideland könnte durch Entwässerung gewonnen werden. Notwendig wäre ein besserer Unterhalt der Alpwege". 1943 wurde die Lampertschalp mit 125 Stück Rindvieh und 500 Schafen bestossen, auf der Läntaalp weideten weitere 1200 Schafe. 1977 waren es 130 Kühe und Rinder, 20 Ziegen und 900 Schafe (zusammen mit der Läntaalp).


Mutterkuhhaltung, auf dem Bild ein Kalb einer schottischen Hochlandkuh, auf der Lampertschalp. Die viel leichteren Rinder belasten die Böden weit weniger. (Bild: Fitze)

1957 kauften die Kraftwerke Zervreila AG die Alp von den Tessinern. Mit der Alpwirtschaft hatten sie nicht viel am Hut. Vielmehr sollte oberhalb des 1959 eingeweihten Zervreila ‚Äì Stausees ein Naturdamm gebaut werden, der den Valser Rhein bis zur Alp Länta zurückgestaut hätte. Das Valser Stimmvolk machte diesen Plänen 1989 in einer Urnenabstimmung mit einem Nein zum Projekt einen Strich durch die Rechnung. Inzwischen ist auch ein zweiter Plan, der wohl das Ende des Alpbetriebes bedeutet hätte, in der Schublade verschwunden. Sowohl Lampert- als auch Läntaalp wären in der ersten Planungsphase in der Kernzone des Nationalparkes Adula gelegen. Inzwischen sind diese angepasst worden, und nur noch ein kleiner Teil der Läntaalp soll unter strengsten Naturschutz gestellt werden. Das macht durchaus Sinn. Denn ein kompletter Rückzug des Menschen würde auch das Ende einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft bedeuten. Alois Stoffel hat mit einigen gezielten Eingriffen mit dem Mäher Schneisen in die bereits vergandenden und verbuschenden Flächen geschlagen, um den Schafen die Wiederbeweidung zu erleichtern. Die überdüngten, mit Placken überwucherten Flächen am Talboden hat er immer wieder gemäht und von den Schafen abgrasen lassen. Mit Erfolg. Die Placken sind verschwunden.

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